Editionen der Späher

Sichtung Eins: Der Engel

Es geschah an einem sonnigen Frühlingstag aus dem Fenster in einem höher gelegenen Stockwerk. Man war nicht auf der Suche, im Gegenteil, man hatte gegenwärtig etwas zu tun – und doch. Gesehen wurde er im Hof, lachend mit Gleichaltrigen. Äußerst erstaunt war man über die Einfachheit der Situation, aber fasziniert auch von der Magie, die im selben Moment empfangen wurde. Sonnenstrahlen zeichneten sich im blassen Gesicht und dem matten Haar ab, sorglos zufrieden wirkte die hagere Gestalt. „Wieso ist das andachtsvoll?“, fragte man sich.

Durch diese auftretende Lethargie war es für sie selbstverständlich, ihn Engel zu nennen. Man bemerkte, wo er sich zu gewissen Zeiten aufhielt und konnte dadurch den einen oder anderen Blick auf den in sich ruhendenden Gesichtsausdruck erhaschen. Der Umstand des Zufalls wurde mehr und mehr herausgefordert, der entscheidendste Schritt aber wurde dennoch als entbehrlich gesehen.

Die Zauberei verfolg mit der Zeit und das raue Gefühl einer ungewollten Gewöhnung an das Wesen nahm Platz in den Köpfen ein. Trotz alledem blieb das Interesse stets haften, man empfand die andauernde Faszination als unerklärlich, entschied sich jedoch dafür, entspannt in der Ungewissheit zu rasten. Sie erkannten, dass nicht alles geklärt und analytisch behandelt werden muss, es war schließlich das erste Mal. Viele Fälle würden noch auf die Späher zukommen – und doch. In all den Jahren, die vorbeiflogen und verstrichen im Nu erinnerte man sich immer noch an diesen einen Engel, den man da damals im Hof im Sonnenschein erblicken durfte.

Sichtung Zwei: Der Große Bruder

Im Laufe der Zeit erschien der große Bruder auf der Bildfläche der Späher. Durch sportliche Aktivitäten bemerkte man allmählich, dass sich dieser Eine nicht dafür mühte um teilnehmende Blicke der weiblichen Reihen oder schillernden Ruhm zu ernten. Ständig wirkte er darauf bestrebt, bei sich selbst und seinen Gedanken zu verharren. Es schien als wolle er zwar an gesellschaftlich anerkannten Auftritten teilnehmen, ordnete ihnen aber keinen größeren Sinn zu. Untypisch war auch die Reife, mit der er agierte.  Man kam gar nicht umhin, diesen Einen den Großen Bruder zu nennen.

Er wirkte offen und agierte freundlich, hegte trotz allem einen distanzierten Umgang. Man fragte sich, was man tun müsste, um in seinem engen Kreis von Gefährten einen Platz finden zu dürfen und mit diesem Bestreben war man offensichtlich nicht alleine, da er immerfort umgeben war von Personen. Man war sich der kläglichen Aussichten bewusst, wagte es schließlich, doch die Erwartungen wurden erfüllt. Ständig tapste man gegen die unsichtbaren Wände, die errichtet und niemals durchbrochen wurden.

Man besann sich darauf, die von ihm gewollte Distanz zu wahren und ihn aus dieser fortan zu mustern. Flackernd wie eine Flamme schaffte er es, seine unzähligen Facetten zu wechseln, von einem spaßhaften Necken, warmen und unterstützenden Worten zu einer starken Hand, die bestrebt war, jedem zu helfen. Bestätigt fühlte man sich bei der Namensgebung – einfach der Große Bruder.

Sichtung Drei: Das Arschloch

Nicht lange dauerte es, bis er auf der Bildfläche erschien. Den Spähern blieb fast keine andere Wahl, außer diesen bestimmten Namen zu wählen. Nach einigem Kontakt war man davon überzeugt, ein selbstzentriertes Wesen vor sich zu erleben, stets um die Wirkung auf andere besorgt.

Das Arschloch war sehr klug und sich seines enormen Wissens bewusst, doch nahm er seinen persönlichen Blickwinkel als das Wichtigste an. Man erkannte, dass ihm diese Intelligenz mehr schadete, als dass sie half. Immer davon überzeugt, die Welt drehe sich nur um ihn und man würde auf seine Meinung warten. Müßig wurde jede Konversation mit ihm, geschickt wie ein Zauberer konnte er das Gesprächsthema verwandeln. Letztendlich drehte sich alles um ihn. Denn seine Probleme waren so viel schlimmer, als es sich andere jemals vorstellen könnten. Und selbst wenn, egal wie sehr man sich ihm annähern wollte, er liebte sich selbst viel zu sehr, denn Freunde konnte man schließlich wechseln, so wie Schuhe.

In seinen Augen sah man den bissigen, stechenden Ausdruck eines Menschen, der sein Gegenüber an seinem Wert abwägt. Hinter diesem brutalen Vorgehen versteckte sich nur die Sorge, die das Arschloch stetig begleitete. Doch Schwäche erlaubte er sich selbst nicht, daher lernte er über die Jahre, sie mit bissigen Kommentaren zu überspielen. Einzig der kühle Blick ließ seine gedämpfte Traurigkeit erahnen, wenn man nur nahe und lange genug hinsah.

Sichtung Vier: Der Schönling

Der Schönling wusste nur zu gut um seine Wirkung und wollte stets gelobt werden. Sein Wesen, sein Können und seine Intelligenz waren einmal auf dieser Welt. Interesse anderen gegenüber schien geheuchelt, da der Ausdruck in seinen Augen fahl schien. Fähig, über Leichen zu gehen, tat er es auch gerne.

Auch lagen ihm die Massen beider Geschlechter zu Füßen, manche wollten wie er sein, manche wollten mit ihm zusammen sein. Die Späher näherten sich an und entdeckten aber den größten aller Makel: pure Langeweile.

Der Schönling hatte bei dem Versuch, niemals sein Gesicht zu verlieren, ganz vergessen den Humor zu bewahren. Nun verlief die Konversation zwar, aber plätscherte trübselig vor sich hin. Man hatte zwar das Gefühl, mit ihm zu sprechen, aber zu einem wahren Austausch kam es nie. Über was hatte man gesprochen? Das Wetter?

Sichtung Fünf: Die Elfe

Dank der Elfe erlebten die Späher ein wichtiges Phänomen aus der Nähe. Er war ein offener und fröhlicher Mensch und wusste nur zu gut, wie man mit Charme umzugehen hat. Viele dachten, dass seine Freundlichkeit ein Anzeichen Affektion war und waren reichlich verwirrt. Die Späher konnten sie verstehen, doch selbst waren sie nie davon betroffen.

In den Augen der Elfe funkelte die Iris, fast schon schelmisch. Es schien, als wäre er auf der Suche. Witzig, intelligent und talentiert war er, doch schien es ihm nicht zu genügen. Man hätte gerne hinter diese grünen Augen geblickt und herausgefunden, nach was die Elfe tatsächlich trachtet, aber dazu würde es nie kommen.

Die Späher waren trotz allem davon überzeugt, dass es keine oberflächliche Freundlichkeit, sondern echtes Interesse an den Menschen war.

Sichtung Sechs: Das Brötchen

Das Brötchen war einer der unzähligen Spaßvögel, denen die Späher begegnet sind. Dieser eine war aber anders, immerzu freundlich und einfach zu begeistern. Er konnte über alles und jeden Witze reißen, daher zog er die Menschen magisch an.  Ein guter Freund für viele, aber sicherlich keine treue Seele.

Auch die Späher verfielen seiner positiven Energie, aber in dunkeln Zeiten verbaute sich das Brötchen selbst seine Chancen, indem er zu früh aufgab. Man versuchte, ihn zu ermutigen und zuzusprechen, doch schien er fortan stets niedergeschlagen. Irgendwann verhielt er sich wieder unachtsam und es schien, als würde kein bestimmtes Ziel am Ende seines Weges auf ihn warten.

Doch auch in diesem Leichtsinn fanden die Späher Gefallen und erinnerten sich gerne an das witzige Brötchen zurück.

Sichtung Sieben: Kaede

Diese Person ist für die Späher bis heute ein Begleiter. Stets sitzt Kaede in einer Ecke, das schwarze Haar unter einer Kapuze versteckt. Er beobachtete mit seinen grauen Augen das Geschehen und ist immer da.

Mittlerweile ist Kaede nicht mehr so schüchtern, gemeinsam mit den Spähern wurde er mutiger. Diese Beziehung widersteht dem Zahn der Zeit und man schätzt die unzähligen Unterhaltungen von Tag zu Tag mehr.

Die Späher erkennen, dass sie heute nicht dieselben wären, wäre Kaede nicht mit ihnen gemeinsam hier. Sie lernten durch und dank ihm. Niemals würden sie es vergessen.

Sichtung Acht: Der Fuchs

What does the fox say? Alle Jahre wieder vergaßen es die Späher und lernten es von Neuem. Im Turnus der Monate veränderten sich die Geschichten und man wurde sich unsicher. Vielleicht war das Urteil ungerecht, unreflektiert und unwahr.  Gewünscht hatten sich die Spähern ein friedliches Ende ja schon immer.

Sie betrachten wie die Blätter grün, gelb und braun werden, dass das Fell des Fuchses allerdings immer feuerrot bleibt, wollen sie sich einfach nicht eingestehen. Von den Geräuschen des Fuchses lassen sie sich umgarnen und achten nicht auf den gefährlichen Pfad, den sie zusammen betreten.

Der Kreis vervollständigt sich, wenn die Späher wieder erwachen. Sie hören genau, was der Fuchs spricht, wenn sie nicht mehr erfahren wollen, was er zu sagen hat.

5 Comments

  1. Oh Mann, DAS Arschloch kenn‘ ich 😝. Und den Engel hab‘ ich geheiratet ❤.
    Deine Texte sind sehr berührend und zeugen von einer seelischen Reife, die mich auch immer in unsren Gesprächen daran erinnert, dass du erwachsen geworden bist. 😆

  2. Hi „der große Bruder“ kommt mir vor wie eine Hommage an eine uns verbindente Person. Falls ja sehr sehr einfühlsam und sprachlich top

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