Markerschütternd

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Das Surren hört Arian nicht nur, sonder spürt es in seinen Knochen. Kein Schmerz ist vergleichbar, als sein Tätowierer die Maschine auf seine Rippe drückt. Es fühlt sich an, als würden Arians Knochen Stück um Stück aufgespalten werden.

In der ersten Stunde hat Arian noch versucht, den Schmerz wegatmen, ab der zweiten Stunde mussten die Kopfhörer und Musik herhalten. Je lauter, desto besser, denn nur so kann er sich ablenken. Jetzt, in Stunde sechs, wird es immer und immer schlimmer. Arian weiß nicht, ob es die Stelle ist oder einfach seine schwindende Schmerztoleranz, er kann sowieso keinen klaren Gedanken fassen. Einzig die Musik und das Handtuch, in das er seit Anbeginn hineinbeißt, tragen ihn durch die Momente, in denen seine Haut durch eine Nadel verfärbt wird, für alle Zeit.

Was Arian gerade noch so schafft, ist auf das Motiv zu blicken, das schräg über ihm hängt. Der Gedanke daran, trägt ihn durch die Sekunden des Unerträglichen, wenn sein Kiefer vom Zubeißen schmerzt und die Tränen über seine Wangen rinnen.

Er fragt nach keinen Pausen, sein Tätowierer regelt das. In diesen trottet er auf die Toilette, blickt sich in den Spiegel und versucht das Kunstwerk auf seinem Rücken zu erblicken. Dann wird es leichter.

“Pain is temporary, drip is forever”, hat sein Bruder ihm in der dritten Pause geschrieben.

“Recht hat er”, murmelt Arian. Ein Mahnmal, eine Erinnerung, nur für ihn. Es bleibt auf ewig.

Zurück beim Sessel blickt sein Tätowierer ihn an und er weiß, dass es weitergeht. Ein Schluck Wasser, ein Bissen in eine Banane.

Kopfhörer an, Handtuch in den Mund.

Los geht’s.

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