Scheinbar

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Jojo wippt mit dem Fuß. Pop aus den 2010-er Jahren dringt an ihr Ohr. „Wahnsinn, dass die das Lied spielen“, schreit Amani ihr entgegen. Sie nickt. „Das stimmt eigentlich, das ist wirklich ein Zufall“, denkt Jojo, als sie an ihrem Glas nippt. Mit den Klängen der Vergangenheit und einem Mojito wirkt das Jahr 2022 gar nicht so schlimm, wie Jojo ursprünglich befürchtet hat. Sie ist gesund, konnte endlich auf Urlaub fahren und hat auch in der Arbeit Anschluss gefunden.

Vermutlich ist dieser Hochmut aber ein Sommergefühl, das wieder vergehen wird. Nur im Juli schafft sie es, sich nach der Arbeit mit Freunden in der Bar zu treffen. Sie hat ihr Sommerkleid an, die Haare gemacht und sich sogar für die hohen Schuhe entschieden. Um sie herum lachen Menschen, die es sich gut gehen lassen. Die Stimmung ist ansteckend und Jojo lächelt bei einem Witz von Oliver. Alles ist gut, zumindest auf den ersten Blick.

Bis sich mal wieder die Stimme in ihrem Kopf meldet: „Die tun doch nur alle auf cool, alles Idioten.“

Keine Menge an Alkohol kann sie zum Schweigen bringen. Ihr wird wieder heiß.

„Weißt du, die können dich eigentlich eh nicht leiden“, hört sie es erneut Zischen.

Sie hält das nicht aus. Jojo flüchtet sich ins Bad, die anderen denken sicher, dass sie zu viel getrunken hat. Statt in die Kabine zu gehen, sieht sie in den verdreckten Spiegel. Neben Lippenstift und Fingerabdrücken erkennt Jojo die Angst in ihren Augen. „Geh weg“, flüstert sie sich selbst entgegen.

Ihre Stimme wird lauter: „Lass mich einfach in Ruhe!“

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