Das schönste Geschenk

Heute, an Weihnachten, freuen sich sehr viele über Geschenke unterm Christbaum. Man fragt sich wochenlang zuvor, was man schenken kann, damit alle zufrieden sind und spüren, wie sehr sie gemocht und geliebt werden. Viele sind auf der Jagd nach diesem „perfekten“ Geschenk.

Dieses Jahr habe ich mir selbst dieses Geschenk gemacht, auch, wenn es schwer war.

Seit einiger Zeit habe ich einen Plan, wie ich in Japan arbeiten und leben kann: Ein Stipendium. Als ich es online entdeckt und realisiert habe, dass dies meine Chance sein kann, habe ich mich komplett darauf fixiert. Es war jahrelang wie ein Handwärmer in meiner Taschenjacke, immer da, um mir Wärme und Kraft zu spenden.
Als 2021 endlich der Zeitpunkt kam, um mich dafür zu bewerben, habe ich mich bemüht.

Leider hat es trotzdem nicht gereicht.

Die Absage hat mich getroffen und ich konnte es gar nicht glauben. Bis ich es wirklich realisiert habe, mussten einige Wochen vergehen. Dann habe ich mich verloren gefühlt.

Und so hat sich mein Jahr 2021 in eine Richtung entwickelt, die ich eigentlich nicht so geplant hatte und die mich auch irgendwie traurig machte. Verpasst hatte ich die Chance und wusste nicht genau, wie ich damit umgehen sollte. Denn ein gutes Jahr wäre es gewesen, wenn ich es geschafft hätte.

Und jetzt?

Das Gefühl hat mich begleitet, nachdenklich und still gemacht. Als mir das aufgefallen ist, habe ich ein blaues Notizheft als „Kammer der Gedanken“ begonnen. Ich wollte meinen Gedanken freien Lauf lassen, habe gemalt, gekritzelt oder auch Listen geschrieben. „Wenn es ausgeschrieben ist und ich mich immer noch so fühle, werde ich mir professionelle Hilfe suchen“, habe ich mir gesagt.

Nach und nach habe ich begonnen, nachzudenken und mich zu erinnern. Ich habe ein Gefühl von Heimat versucht zu finden und bin bei Geschichten gelandet.
Ich habe Bücher von damals gelesen und mir Kindheitsserien angesehen, wie H20 – Plötzlich Meerjungfrau, Dance Academy oder auch die Twilight-Saga. Zehn Jahre später sind natürlich viele Szenen sehr überzogen und kindisch – aber eben auch Teil meines Ichs. Als Kind und Jugendliche haben mich diese Geschichten geprägt und auch Jahre später nehme ich mir etwas mit. Sie haben mir dabei geholfen, mich daran zu erinnern, wer ich einmal war und wer ich damals werden wollte.
Und auch, dass ich mich wirklich nicht an einen Plan fesseln will, der nicht geklappt hat.

Denn woher weiß ich, dass der Plan eigentlich so gut war? Weil ich es mir selbst eingeredet habe?

Irgendwann ist mir aufgefallen, dass es in meinem Gefühlschaos auch eine Erleichterung gab, dass ich nicht gehen muss. Noch nicht. Vielleicht dachte ich, dass der Zeitpunkt passend ist, um an das andere Ende der Welt zu reisen, aber das Leben mir den deutlichen Hinweis gegeben hat, dass das nicht der Fall ist.
Natürlich wäre das Stipendium in Japan toll und ich würde es vermutlich auch schaffen, aber jetzt ist es nicht das, was ich brauche. Früher schon hat mir das Leben auf eine Art und Weise geholfen, die im ersten Moment sehr verletzend war, denn so ist Veränderung nun mal.

Das schönste Geschenk, das man machen kann, ist tiefes Mitgefühl.

Mir fiel es sehr schwer, weil ich hohe und starre Erwartungen hatte. Sie haben mir dabei geholfen, zielstrebig zu sein und stets Kraft zu schöpfen, aber mich im selben Moment auch alleine gelassen, als es nicht geklappt hat.

Die Kraft zu haben, die Situation anzunehmen und da zu sein, ist schwer, lohnt sich aber.

Hast du jemandem schon einmal dieses Geschenk gemacht?

Mittlerweile sehe ich das blaue Notizheft nicht mehr als „Kammer der Gedanken“, weil ich es nie ausgeschrieben habe.
Es geht mir besser.
Ich vertiefe weiter meine alten Interessen, wie zum Beispiel Videospiele und habe Spaß daran, einen flexibleren Plan für mein Leben auszuformulieren.

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