Sechs Jahre Studium

Nach meinem Masterabschluss im Oktober 2021 haben mich viele gefragt, ob sich Studium eigentlich ausgezahlt hat. Einige sind der Ansicht, dass ich ja auch in den sechs Jahren Vollzeit arbeiten hätte und so viel mehr Geld verdienen können, als ein Abschluss wert wäre.
Ich muss zugeben, dass es mir um das Geld nicht geht, denn sonst wäre ich wahrscheinlich auch keine Lehrerin geworden.

Bachelor

Obwohl ich gleich einen Nebenjob hatte und täglich pendeln musste, hat die Studienzeit für mich mit sehr viel Freude und Motivation begonnen. Die Phase des Umbruchs hat mir Kraft gegeben, ich bin von zuhause in eine WG in Wien gezogen und jeden Tag musste ich meine Komfortzone verlassen.

In der Universität konnte ich flexibler sein, was mir sehr viel Spaß gemacht hat. Alle paar Monate konnte ich mir einen eigenen Stundenplan zusammenstellen und selbstbestimmt sein. Ehrlicherweise ist aber nicht alles so flexibel. Der Irrglaube, dass man im Studium seinen Interessen folgen kann, hält sich. Das ist ein bisschen ein Trugschluss, zum Beispiel musste ich Mittelhochdeutsch im Rahmen meines Deutschstudiums machen. Meine Wahl bestand in den Lehrpersonen, die die unterschiedlichen Seminare geleitet haben, komplett auslassen konnte ich Themengebiete aber nicht.

Gleich zu Beginn ist mir auch die Zerrissenheit der Forschungsrichtungen Deutsch, Psychologie, Philosophie und Pädagogik aufgefallen. Man könnte denken, dass alle Wissenschaften denselben Weg gehen – das ist leider nicht so. Ich musste oft umdenken, welcher Zitationsstil jetzt „richtig“ ist und was es sonst noch so zu beachten gibt. Es war lange Zeit sehr verwirrend für mich, aber nach einigen Tutorien wurde es besser.

Hilfreich, und das wird man jetzt vielleicht gar nicht glauben, war Facebook. Dadurch, dass ich niemanden an der Uni zuvor kannte, waren Facebook-Gruppen der Studienrichtungen sehr nützlich, weil man auch „dumme“ Fragen stellen durfte. Ganz zu Beginn kannte ich viele Abkürzungen nicht und ich bin froh, dass mir geduldige, erfahrenere Studierende geantwortet haben.

Ich kann mich auch noch ganz genau erinnern, als ich das erste Mal in der Bibliothek gelernt habe:

Foto: Clemens Fabry

Das erste Studienjahr habe ich damit verbracht, neue Freund*innen zu finden. Ich wollte unbedingt diesen Traum ausleben, mit meinen besten Freund*innen gemeinsam zu lernen, in die Bibliothek zu gehen und Kurse zu belegen. Erst viel später habe ich verstanden, dass ich eigentlich viel mehr meine Freund*innen außerhalb meines Studiengangs wertschätzen sollte. Oft habe ich mich auch nicht authentisch gefühlt, weil andere Party machen oder das Seminar schwänzen wollten. Manchmal habe ich mich auch nicht klug genug gefühlt.

Manche Professor*innen halten Vorlesungen, die einem wie die unterhaltsamste und informationsreiche Dokumentationen vorkommen, andere wiederum lesen aus ihren eigenen Büchern vor. Dieser Unterschied rührt vor allem daher, dass nicht jede Person, die eine Vorlesung hält, dies aus Interesse tut, manchmal sind beispielsweise Forschungsunterstützungen an solch eine Bedingung geknüpft.

Oft wurde auch auf die Lehramtsstudierenden herabgesehen, weil sie ja das Fach „nicht wirklich“ studieren. Das ging so weit, dass ein Professor in der ersten Sitzung wissen wollte, wer hier „wirklich studiert“, die Lehramtsstudierenden sollten sich nach hinten setzen.

Was ich überhaupt nicht bereue, sind meine beruflichen Tätigkeiten neben dem Studium. Vom Weihnachtsmarkt zur Paketschlichterin bis hin zu Marketingassistentin. Nicht viele haben verstanden, wieso ich Teilzeit arbeiten wollte, für mich war es nach eineinhalb Jahren Studium einfach ein Muss. Der Beruf gibt mir einerseits den Ausgleich, den ich brauche, andererseits habe ich so vieles gelernt, was ich nicht missen will. Natürlich hat ein Nebenberuf auch Nachteile, beispielsweise, weil man einige Lehrveranstaltungen nicht mit den Arbeitszeiten vereinbaren kann und dann entweder Kurse spätabends besucht oder sich die Themen aussuchen muss, die weniger beliebt sind.

Eine Krise gab es während des Studiums natürlich trotzdem, vor allem, als ich drei Mal bei einer Prüfung durchgeflogen bin und ich vor einer Prüfungskommission stehen musste. Einfach war es nicht, aber es hat das Durchhaltevermögen gestärkt 🙂

Master

Mein Masterstudium hat im März 2020 begonnen – und bei diesem Datum kannst du dir schon vorstellen, wie mein Studium verlief. Vor allem online und sehr isoliert war es, abseits davon aber eine viel bessere Erfahrung im Vergleich zum Bachelorstudium.
Als Studentin konnte ich viel mehr entscheiden, was mich interessiert, worüber ich mehr herausfinden will und mir überlegen, wo ich meinen Fokus lege. Vor allem in meinem Unterrichtsfach Psychologie habe ich ein Semester lang an einem Forschungsprojekt gearbeitet, was sehr spannend war. Auch im Fach Deutsch konnte ich mir die Seminarrichtungen aussuchen, die mir Spaß machen, wie Deutsch als Zweit-, beziehungsweise Fremdsprache. Es herrscht mehr Austausch, nicht nur mit den anderen Studierenden, sondern auch mit den Professor*innen.
Am Ende dieser sechs Jahre weiß ich, wie man wissenschaftliche Quellen bewerten und verstehen kann, aber auch, dass die Betreuung von wissenschaftlichen Arbeiten gelernt sein will (den Feedbackburger kennt anscheinend nicht jede*r).

Wie kann man den Wert eines Studiums nun messen? An Geld mache ich das nicht, das habe ich eingangs schon erwähnt, aber ich habe gelernt, wer ich werden möchte und realisiert, was zu mir als Menschen passt. Das hätte ich vielleicht auch ohne Studium herausgefunden, vielleicht aber auch nicht. Ich hätte auf alle Fälle nicht so viel erlebt in den letzten sechs Jahren.

Langsam rück die Lebensrealität „Studium“ in die Ferne. Ein bisschen hat es mir gefehlt, das Stundenplanerstellen, das Freuen auf eine spannende Vorlesung und das Lernen in der Bibliothek, aber ich denke, dass es der richtige Zeitpunkt ist, wieder aus der Komfortzone gekickt zu werden. Ich bin bequem geworden, ich weiß jetzt, wie man studiert und deswegen ist es genau der perfekte Zeitpunkt, etwas Neues zu beginnen.

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