Meine kleine Familie

Begonnen hat alles am Pfingstwochenende im Mai 2021. Eigentlich war es zuhause recht ruhig, ich habe an meiner Masterarbeit und Unterrichtsmaterialien geschrieben, mein Freund war unterwegs. Irgendwann hat er mir dann geschrieben „Ich muss Vögel mit nach Hause nehmen“.
Im ersten Moment war ich mir nicht ganz sicher, was er damit gemeint hat, aber als er dann nach einiger Zeit wieder in unserer Wohnung war, hatte er einen kleinen, weißen Käfig mit zwei Kanarienvögel mitgenommen. Mitgenommen sahen auch die Tiere selbst aus:

Das Kennenlernen.

Als Kind hatte ich einige Wellensittiche, weswegen mich der Anblick so überrascht hat: Der Käfig war so klein, sie hatten kein Wasser, keine Samen oder Kerne und ihr Vogelsand war mehr Klo als Sand.
Ihnen ging es in ihrem vorigen Zuhause nicht so gut, weswegen mein Freund angeboten hat, sie zu übernehmen. Er war im ersten Moment überfordert, ich wollte ihnen gleich Namen geben: Der knallgelbe Vogel war fortan Pikachu und der bräunliche Vogel Taubsi.
Innerhalb einer Stunde haben wir einen Schlachtplan besprochen: In diesem Käfig können sie nicht bleiben, wir brauchen ein neues Zuhause für sie und wir haben auf Willhaben.at ein tolles Exemplar gefunden. Vorher noch bei einem Supermarkt stehenbleiben, der auch an einem Sonntag offen hat und hoffen, dass wir dort Vogelsand oder Samen bekommen. Ich habe mich gleich in einer Facebook-Kanarienvögelgruppe eingeschrieben und versucht zu recherchieren, was Kanarienvögel von Wellensittichen unterscheidet.

Die erste Nacht konnten sie dann in ihrem neuen, größeren Käfig verbringen:

Eine eindeutige Verbesserung.
Die erste Nacht im neuen Zuhause.

Im Laufe der nächsten Tage haben wir unterschiedliche Äste im Park gesammelt, damit sie nicht mehr auf Plastik sitzen müssen, einen Tierarzttermin ausgemacht und uns überlegt, wie wir Taubsi und Pikachu ein besseres Leben ermöglichen können.

Sie hat uns auch erklärt, dass die Tiere vermutlich ein Trauma haben, weil sie nie frei fliegen konnten. Zu Beginn hat es wirklich weh getan, der Käfig war den ganzen Tag offen und sie haben es nicht beachtet. Irgendwann hatte mein Freund die Idee, das Essen außerhalb des Käfigs zu montieren, was auch gut geklappt hat. Das Verlangen zu fliegen, das haben sie leider nie wirklich gezeigt. Zu der Zeit waren auch die Mausern bei Pikachu und Taubsi sehr präsent, sie haben beide viele Federn verloren und richtig zerrupft ausgesehen, allerdings war es bei Taubsi besonders schlimm. Es war auf alle Fälle eine verlängerte Mauser, wenn nicht sogar die Stockmauser und ich habe oft den Weg zum Tierarzt gesucht, weil ich mir Sorgen gemacht habe. In manchen Wochen war er so apathisch, dass ich jeden Morgen dachte, er könnte ja vielleicht in der Nacht gestorben sein. So wurde Taubsi in unserer kleinen Familie schnell zum grantigen, älteren Herr, vor allem, weil er ja eine Halbglatze hatte (die Fotos will ich dir ersparen).
Was uns besonders frustriert hat, war, dass wir ja nicht mit den Vögeln sprechen können. Wir wissen nicht, wie es ihnen geht und überlegen stets, ob eh alles passt.Im Sommer habe ich viele Wälzer ausgeliehen und auf eigene Faust herauszufinden versucht, wieso Taubsi so viele Federn verloren hat.
Im September sagte uns dann die Tierärztin, dass Taubsi vielleicht solche Hormonprobleme hat, weil der Egokampf der beiden Männer ihm zu sehr ans Gemüt geht. Vielleicht sei auch der Käfig nur suboptimal – die Anweisung lautete, einen anderen Käfig und zwei Damen zu finden. Im ersten Moment wussten wir nicht, wie wir mit dieser Diagnose umgehen sollen. Eigentlich war es ja alles ungeplant, wir wollten keine Haustiere und jetzt auch noch zwei Damen dazugeben? Wird es im Frühling dann Babys geben?

So kam es, dass wir einen 2 Meter Käfig gekauft, einen Vogelbaum gebastelt und fieberhaft auf der Suche nach zwei Damen waren. Flemmli, orange und Evoli, beige mit grauer Kappe, haben unsere Vogelfamilie erweitert.

Eine Woche lang hatten wir kein Wohnzimmer, sondern eine Kafigausstellung

Alle waren sehr überrascht, als sie das Gezwitscher der anderen gehört haben, interessant war das gemeinsame Übersiedeln in den großen Käfig. Zu Beginn haben wir alles genau beobachtet, ob sie sich eh verstehen, dann haben wir schnell die Tore für den mehrstündigen Freiflug geöffnet und der Zirkus hat so richtig erst begonnen. Evoli und Flemmli hatten viel, viel mehr Lebensfreude und sind hin und her und auf und ab geflogen, Pikachu und Taubsi haben das mit Argwohn betrachtet.

Taubsi noch zerrupft auf Erkundungstour

Die ersten Wochen waren sehr spannend, weil sich das Verhalten von Pikachu und Taubsi geändert hat: Sie hatten keine Zeit mehr für Rivalitäten, sondern hatten zwei Kindervögel, die sie mächtig auf Trab hielten.

Drei Monate nach der Zusammenführung hat sich einiges für uns geklärt:

  1. Die Tierärztin hatte Recht: Taubsi hat sich wieder eingefangen, alle Federn sind wieder da und im Laufe der Zeit ist er aktiver und mutiger geworden.
  2. Evoli ist diejenige, die den anderen blöde Ideen gibt, sei es den Besen anzuknabbern oder Loopings zu fliegen. Alles, was sie macht, wird bald von den Herren nachgemacht.
  3. Apropos Herren: Flemmli ist vermutlich keine Frau, sein Sozialverhalten und sein Gezwitscher passen überhaupt nicht dazu. Der Frühling wird also besonders spannend…
  4. Und apropos Sozialverhalten: Die Dynamik hat sich völlig geändert. Taubsi ist nicht mehr der grantige, alte Opi, sondern hat sich angewöhnt, auch mal mit den anderen zu teilen. Streit gibt es jetzt nicht mehr zwischen Taubsi und Pikachu, nur gelegentlich Unstimmigkeiten, wer zuerst zur Futterschüssel darf.
Meine kleine Familie – Pikachu, Taubsi, Evoli und Flemmli

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