Von Verschwörungen

Im Rahmen meiner Masterprüfung habe ich in Philosophie den Schwerpunkt Verschwörungstheorien ausgewählt – unheimlich spannend, unheimlich komplex.

Was sind Verschwörungserzählungen?

Verschwörungserzählungen sind eine Annahme darüber, dass eine als mächtig wahrgenommene Person oder Gruppe wichtige Ereignisse geheim beeinflusst, um eigene Interessen zu verfolgen, die der Bevölkerung schaden (Butter, 2018; Hepfer, 2015; Nocun & Lamberty, 2020). Ich benutze nur ungerne den Begriff Verschwörungstheorie, weil dies den Anschein macht, dass es tatsächlich Theorien sind, dazu aber später mehr.
Von COVID-19 Mythen wie Bill Gates‘ Impfimplantatten, bis zu Freimaurern und Echsenmenschen oder auch die Erzählung, dass Elvis Presley noch lebt. Verschwörungserzählungen sind keine Neuzeiterscheinung (Nocun & Lamberty, 2020). Butter (2018) trennt zwischen Ereignisverschwörungstheorien (wie die Mondlandung), der Systemverschwörungstheorien (wie die Illuminati) und der Superverschwörungstheorie, die die beiden Komponenten von System und Ereignis kombiniert.
Psycholog*innen versuchen herauszufinden, welche Faktoren das Verbreiten von Verschwörungserzählungen fördern. Zunächst zeigt sich, dass die politische Einstellung oder auch die nationale Herkunft keinen Einfluss haben (Nocun & Lamberty, 2020).
Der Einfluss des Bildungsgrads ist auch nicht eindeutig, beispielsweise wurde dieses Jahr an der Universität Wien eine Studie wiederholt, bei der mittels Interviews unter anderem der Glaube an Coronavirus-Verschwörungsmythen gemessen wurde: 5 bis 15% der Studierenden glaubten an diese Mythen. Diese Personen sind nicht dumm oder gutgläubig (Nocun & Lamberty, 2020), stattdessen sollte man sich überlegen, welche Bedürfnisse die Erzählungen erfüllen: Langeweile, Wunsch nach Kontrolle, Erhöhung des Selbstwerts oder auch ein Mittel zum Zweck. Tatsächlich kann somit jede Person Verschwörungserzählungen verbreiten.
Für die Philosophie gibt es unterschiedliche Interessensfelder, wie beispielsweise den Aufbau von Verschwörungstheorien. Hepfer (2015) verdeutlicht, dass zunächst Zweifel an der offiziellen „Version“ erzeugt oder verstärkt werden. Je nach Person braucht es mehr oder weniger Zweifel, Nocun und Lamberty (2018) nennen dies die Verschwörungsmentalität. Hepfer (2018) sieht darin die prinzipielle Haltung des Misstrauens. In einem zweiten Schritt braucht es ein Motiv der Person oder Gruppe, die man für das Ereignis oder das System verantwortlich macht, um anschließend diese Erzählung immer und immer wieder zu erzählen. Besonders charismatische Redner*innen haben einen Vorteil, da es vor allem darum geht, dass diese Überlegungen passend kombiniert werden. Der Unterschied zu einer wissenschaftlichen Theorie ist weniger leicht zu erkennen, als man denkt, da quantitativ dieselbe Anzahl an Quellen vorhanden sind, qualitativ scheiden sich dann allerdings die Geister. Oftmals sind es „flüchtige“ Quellen, wie Radiosendungen oder niedergeschriebene Aussagen, in wissenschaftlichen Theorien werden hingegen wissenschaftliche Zeitschriften und Artikel hinzugezogen, die von anderen Personen kontrolliert werden, vielfach. Diese Quellen sind anders zu bewerten, da auch transparent klar ist, was Wissen und was Meinung ist. Im Gegensatz zu wissenschaftlichen Theorien ist die Abwesenheit eines Gegenbeweises nicht automatisch eine Bestätigung. Im Rahmen einer Studie würde man hier im Rahmen der Limitationen Überlegungen anführen und mehr Forschung fordern (Hepfer, 2015). In den Verschwörungserzählungen wird allerdings dies dazu genutzt, die eigene Überlegung zu stützen („Es gibt keinen Gegenbeweis, also stimmt es!“).

Was sind Fake News?

Im Themenfeld von Verschwörungserzählungen sind auch Fake News eine wichtige Figur. Der Kreis um Donald Trump nutzt den Begriff schon sehr lange. Prinzipiell können Fake News, die gezielte Lügen sind, dazu genutzt werden, Verschwörungserzählungen aufzubauen und auszugestalten (Nocun & Lamberty, 2020).
Mehr Informationen findest du hier:

Wieso sind diese Themen (jetzt) relevant?

Diese Erzählungen sind nichts Neues, das zeigt der Blick in die Geschichte, aber trotzdem sollte man jetzt darüber sprechen. Verschwörungserzählungen sind nicht witzig, stattdessen im besten Fall diskriminierend oder im schlechtesten Fall rassistisch motiviert. Sie haben politische Auswirkungen, beispielsweise den Sturm auf das Kapitol im Januar 2021.
Als Lehrerin ist es mir wichtig, dass die Bildung ihren Part übernimmt: Belege verstehen und eigene Zweifel nachvollziehen können. Auch Verschwörungerzähler*innen berichten von ihren Zweifeln, prinzipiell nichts Falsches, allerdings geht es vor allem darum, wie sie ihre Ansichten begründen. In der Schule sollten Argumentationsstrukturen herauskristallisiert werden, um gemeinsam Begriffe zu verorten. Ich wünsche mir, dass Schüler*innen lernen, einen Datenbestand selbst zu reflektieren und nachzuprüfen, zu reflektieren, inwiefern die Belege unvoreingenommen genannt werden (oder nur um die eigene Meinung zu stützen).

Weitere Ressourcen:

  • Butter, M. (2018). „Nichts ist, wie es scheint“: über Verschwörungstheorien. Berlin: Suhrkamp.
  • Hepfer, K. (2015). Verschwörungstheorien. Eine philosophische Kritik der Unvernunft. Bielefeld: Transcript-Verlag.
  • Nocun, K., & Lamberty, P. (2020). Fake Facts: Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen. Köln: Quadriga.

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