Was ist Bildung?

Oft frage ich mich, was Bildung sein sollte. Was bedeutet es, wenn ein Mensch gebildet ist? Viele Menschen haben sich schon darüber Gedanken gemacht, wie zum Beispiel Wilhelm von Humboldt oder auch Immanuel Kant.
Eine Antwort auf diese Frage gibt das International Baccalaureate (IB), eine Organisation, die internationale Lehrpläne für Schulen weltweit bereitstellt. Aktuell bieten mehr als 5.000 Schulen weltweit die unterschiedlichen Lehrpläne an, davon befinden sich rund 18 Schulen in Österreich.
Theoretisch kann eine Schülerin oder ein Schüler seine gesamte Schullaufbahn mit den Programmen des IB-Programms abschließen.

ProgrammAltersstufe
Primary Years Programme (PYP)3 – 12 Jahre
Middle Years Programme (MYP)11 – 16 Jahre
Diploma Programme (DP)16 – 19 Jahre
Career-related Programme (CP)16 – 19 Jahre
Quelle

Was ist an den Lehrplänen besonders?

Dadurch, dass die Curricula an Schulen auf der ganzen Welt umgesetzt werden können, müssen sie eine universale Sprache verwenden und das ist im 21. Jahrhundert Englisch. Abseits der Unterrichtssprache Englisch gibt es viele internationale Bezüge, die wahrgenommen werden „müssen“. Schon die Jüngsten lernen im Primary Years Programme (PYP) an unterschiedlichen Beispielen wie die Welt funktioniert. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist in den IB-Programmen die Freiwilligenarbeit, in dem Lernende eigene Projekte im Team oder alleine planen und umsetzen.
Der Lehrplan soll Schüler*innen jeden Alters dazu ermutigen, kritisch zu denken und Konzepte zu hinterfragen. Außerdem sind die Lehrpläne unabhängig von staatlichen und nationalen Systemen und orientieren sich an einer globalen Schulgemeinschaft, um lokale und globale Kontexte zu berücksichtigen. Ein weiterer Nebeneffekt eines Curriculums, das weltweit unterrichtet wird, ist die Mehrsprachigkeit.

Welches Bildungsideal verfolgt das IB?

Nun könnte man davon ausgehen, dass Internationalität der Hauptaspekt des IB’s ist, aber tatsächlich gibt es noch einen weiteren Ankerpunkt, der zeigt, welches Bildungsideal verfolgt wird.
Es handelt sich hierbei um das Learner Profile, was man grob mit Lernerprofil übersetzen könnte, in dem zehn Attribute genannt werden, die ein Vorbild für alle Schüler*innen sein sollen, die eine Schule besuchen, die den IB-Lehrplan haben.

Schnell bemerkt man, dass sich diese Attribute nicht nur auf den akademischen Erfolg ausrichten, sondern auch Fähigkeiten beschreiben, die „für das Leben wichtig sind“ und nicht auf ein bestimmtes Unterrichtsfach beschränkt werden können.

  • Inquires (Forschend): Inquiry Learning, auch als forschendes Lernen im deutschsprachigen Raum bekannt, ist eine Unterrichtsmethode, in der das Interesse der Schüler*innen im Fokus steht. Es ist nicht auf ein bestimmtes Alter beschränkt, sondern richtet sich danach, wie unabhängig die jeweilige Person schon lernen, recherchieren und präsentieren kann. Dieser Unterrichtsstil ist prädestiniert im IB, du kannst dazu mehr hier lesen. Dieses Attribut beschreibt also den Umstand, dass Schüler*innen mit dieser Form von Unterricht umgehen können.
  • Knowledgable (Kenntnisreich): Lernende sollten natürlich Wissen haben, das ist im Rahmen einer Schulbildung sehr naheliegend.
  • Thinkers (Denken): Auch dieses Attribut beschreibt die Fähigkeit, dass Schüler*innen nachdenken im Unterricht, ebenfalls sehr naheliegend.
  • Communicators (Kommunikationsfähigkeit): Kommunikation ist wichtig, so viel ist klar, allerdings stellt sich von meiner Seite die erste Frage – was ist mit Lernenden, die schüchtern sind? Wie misst man, ob jemand kommunikativ ist? Wie kann man Kommunikationsfähigkeit bewerten?
  • Principled (Prinzipientreue): Hier stellt sich die zweite Frage – wie kann man Prinzipientreue im Schulunterricht messen? Wie kann man es bewerten? Und welche Art von Unterricht braucht es, damit Prinzipientreue „unterrichtet“ wird?
  • Open-minded (Offenheit): Und die dritte Frage – wie misst man Offenheit im Unterricht? Darf sich eine Schulbildung anmaßen, Offenheit zu bewerten und beurteilen?
  • Caring (Fürsorglichkeit): Freiwilligkeit ist ein wichtiger Anker in den IB-Schulen, deswegen verwundert dieses Attribut nicht. Nun erneut dieselbe Frage – wie kann man Fürsorglichkeit messen? Sollte man das als Lehrer*in messen dürfen?
  • Risk-takers (Risikofreude): Ein Attribut, über das bereits diskutiert wurde, ist Risikofreude. Ich würde behaupten, dass es auf die Person selbst ankommt, ob man risikofreudig ist oder eben nicht. In den IB-Lehrplänen ist dies allerdings ein Attribut, ein Vorbild und auch hier stellt sich wieder die Frage, inwiefern es bewertet werden kann.
  • Balanced (Ausgewogenheit): Interessanterweise ist auch Ausgewogenheit ein Attribut des Lernerprofils, man könnte hier natürlich ironischerweise anmerken, dass man als Schüler*in prinzipiell keine Ausgewogenheit haben kann, weil man so viel mit Lernen beschäftigt ist. Erneut die Frage, inwiefern man es messen und beurteilen kann.
  • Reflective (Reflexion): Das letzte Attribut ist die Reflexion, die sich im österreichischen Schulsystem wiedergefunden werden kann, tatsächlich so wichtig, dass es bei vielen Aufgabenstellungen in der schriftlichen Reifeprüfung eingebaut wird.

Vorschnell könnte man jetzt urteilen, dass sich das IB sehr vom österreichischen Lehrplan, wie beispielsweise die Allgemeinbildende höhere Schule (AHS) oder auch die Mittelschule (MS). Bei genauerem Blick findet sich aber die Wertevermittlung auch als gesetzlicher Auftrag im öffentlichen Schulsektor, oft werden demokratische Grundwerte, das ethische vertretbare Menschen- und Weltbild oder auch Selbstwertgefühl angesprochen.

Man kann den Unterschied aber vielleicht auch darin sehen, dass Bildung für das IB über den akademischen Erfolg hinausgeht, mehr ein holistische Schulbildung anstrebt. Leider finden sich öffentlich keine genaueren Hinweise, inwiefern die schwer definierbaren Attribute wie Prinzipientreue oder Risikofreude von Lehrer*innen gemessen und bewertet können.
Was denkst du? Was ist Bildung? Und kann man Bildung „nur“ durch einen Lehrplan erlangen?

Hier kannst du mehr über das IB nachlesen:

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