Mittelhochdeutsch im Deutschunterricht?

Wieso man Mittelhochdeutsch im Lehramt Deutschstudium an der Universität Wien machen muss, ist eine gute Frage. Im Rahmen des Curriculums fällt es in das Vertiefungsmodul „Sprachreflexion“:

Mit dem Ziel, sprachliche Phänomene vor dem Hintergrund der Sprachstufe des Mittelhochdeutschen zu bewerten und zu beschreiben. Es geht darum, mittelhochdeutsche Texte zu lesen, aber auch Sprach- und Textkulturen.
Tatsächlich habe ich mich am Anfang des Bachelorstudiums schon gefragt, wieso ich das brauche, weil es im aktuellen Lehrplan an österreichischen Schulen nicht gefordert wird. Deswegen war ich auch nicht die Einzige, die sich dachte: „Wie unnötig.“
Diese Einschätzung hat sich aber im Laufe der Semesterwochen verändert, vor allem wegen dem Aufbau des Seminars, das ich besucht habe. Es gab nicht nur einen Abschlusstest, sondern auch zwei kleinere Zwischentests, die mir Feedback vor dem Abschlusstest gegeben haben. Besonders toll fand ich das Buch, das wir benutzt haben: „Mittelhochdeutsch als fremde Sprache“ von Wegera, Schultz-Baluff und Bartsch. Das Lehrbuch war so strukturiert wie ein Sprachbuch in anderen Fremdsprachen und ich konnte gut damit lernen.
Um nochmals zu der Frage zurückzukehren, wieso es Lehrpersonen im Studium brauchen. Tatsächlich spalten sich die Meinungen, da nicht alle, so wie ich, gute Erfahrungen im Seminar gemacht haben. Theoretisch steht es nicht im Lehrplan der Schulen, allerdings bedeutet das nicht, dass man es nicht thematisieren darf. Das Curriculum gibt eine Route vor, aber der genaue Pfad, den man mit Schulklassen wählt, ist immer noch flexibel und individuell.
Denn die Thematisierung von Mittelhochdeutsch, wie schon in der Beschreibung des Curriculums an der Universität Wien geschrieben ist, schafft Sprachreflexion und Sprachbewusstsein. Denn Mittelhochdeutsch ist eine Vorstufe der heutigen deutschen Sprache und man kann somit Aspekte der Sprachgeschichte und den Sprachwandel erkennen. Manche, so wie ich, haben vielleicht sogar Spaß dabei.

Am einfachsten kann man das an dem folgenden Beispiel zeigen, eines der berühmtesten Texte von Walter von der Vogelweide: „Unter der Linde“.

OriginalÜbersetzung
Under der linden
an der heide,
dâ unser zweier bette was,
Dâ mugt ir vinden
schône beide
gebrochen bluomen unde gras.
Vor dem walde in einem tal,
tandaradei,
schône sanc diu nahtegal.
Unter der Linde
auf der Heide,
wo unser beider Lager war,
da könnt Ihr finden
schön gesammelt
beides, Blumen und Gras.
Vor dem Wald in einem Tal,
tandaradei,
sang schön die Nachtigall.
Walter von der Vogelweide: Unter der Linde (Quelle)

Besonders schön sind auch die Illustrationen aus den Büchern, in denen wir die mittelhochdeutschen Texte sehen.

Ausschnitt aus dem Nibelungenlied – Quelle

Die Auseinandersetzung mit der mittelhochdeutschen Sprache kann unheimlich viel Spaß machen, auch Studierenden, die später einmal in einem Klassenzimmer stehen werden. Vielleicht kann man dieses Wissen in manchen Unterrichtsstunden einbauen, vielleicht ist es auch die zusätzliche Kompetenz von Lehrpersonen.

Dû bist mîn, ich bin dîn.
des solt dû gewis sîn.
dû bist beslozzen
in mînem herzen,
verlorn ist daz sluzzelîn:
dû muost ouch immêr darinne sîn.

Quelle

Zum Schluss noch eine weitere Empfehlung für dich, neben dem Buch von von Wegera, Schultz-Baluff und Bartsch: Der Youtube-Kanal Hartmanns Aue thematisiert germanistische Mediävistik, also die Sprache und Literatur des deutschen Mittelalters.

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