Frühling ist da und ich denk‘ an dich (schon wieder)

Ich schaue aus dem Fenster. Wolken ziehen vorüber, es ist himmelblau. Die neue Jahreszeit ist in vollem Gange und alljährlich, wie eine Tradition, erinnere ich mich.
Mit den Fingern zähle ich die Jahre, wie lange es schon her ist. Es ist nicht das erste Mal, dass ich diese Gedanken habe. Ich kann nicht anders, jedes Jahr erinnere ich mich. Gar nicht an den Tag, sondern an das Gefühl, wie die Sonne das erste Mal wieder da ist, um das Gesicht zu wärmen, wie die Vögel zwitschern.

Wenn ich mich erinnere, heißt es, dass ich nicht darüber hinweg bin? Wenn ich noch gerne vor mich hinlächle, wenn ich daran denke? Wenn ich mich frage, ob wir jemals wieder noch miteinander sprechen werden? Lange habe ich versucht, sie loszuwerden, habe mich geschämt, dass ich auch Jahre danach noch daran denke. Manchmal erinnere ich mich an das Gesicht, wenn ich den Abwasch mache, manchmal sehe ich im Supermarkt die Kekse, die ich damals immer deswegen gekauft habe. Ich will mich befreien.
Dann werde ich ungeduldig, manchmal wache ich wütend aus Träumen auf. Im Frühling und Sommer werde ich gejagt. Ich will keine Zukunft, ich will die Vergangenheit gut machen. Wie kann ich voranschreiten, wenn ich noch so darin gefangen bin? Wenn ich mich dann im Spiegel ansehe frage ich mich, ob ich immer noch etwas anderes ausprobieren wollen würde, wenn ich nur könnte. Denn eigentlich weiß ich, was ich machen würde, wenn ich in die Vergangenheit reisen könnte, ich weiß ganz genau wo und wann ich landen würde. Doch sowas ist nur Stoff aus Filmen und Büchern, wieso denke ich daran? Wieso bin ich so undankbar?
Es ist mein Fluch, jeden Frühling die Vögel zwitschern zu hören, mich an das Abholen vom Schulweg zu erinnern, wenn es dämmert an das Nachhausebringen vom Kino zu denken und mitten in der Nacht wach zu liegen und mich zu fragen, wieso es so kommen musste, ob ich nicht stark genug war.

Mittlerweile gibt es einen Ort, an dem diese Erinnerungen für mich leben. Ich wollte dort gar nicht daran denken, nein, es war mein eigener, hartverdienter Urlaub und trotzdem stand ich damals dort und spürte einfach nur den Schmerz, diesen Augenblick und diese Aussicht nicht teilen zu können. Vielleicht kann ich sie ja eines Tages dort wieder gemeinsam abholen.