Wieso wir über den Tod sprechen sollten

Ich möchte am Anfang hier eine Warnung stellen, wenn dich das Thema Tod und Sterben belastet, lies‘ dir diesen Beitrag nicht durch.
Falls du jemandem zum Reden brauchst findest du hier internationale Telefonseelsorge Hotlines.
Als Philosophielehrerin habe ich schon einmal Unterrichtsstunden zum Thema Tod geplant, die mich immer noch beschäftigt, meine Gedanken möchte ich hier mit dir teilen.

Wieso will ich darüber sprechen?

Glauben wir, wenn wir nicht darüber sprechen, dass wir den Tod tatsächlich verhindern können? Oder ist es die Angst, die uns zum Schweigen bringt? Als Kind hörte man vielleicht, dass Haustiere oder Angehörige eingeschlafen sind, weil die Eltern es nicht übers Herz bringen, vom Tod zu sprechen.

Zunächst stellt sich die Frage, was wir mit dem Tod verbinden:


Es gibt aber noch andere Redewendungen, die den Tod umschreiben: ableben, dahinscheiden, das Leben verlieren, den Tod finden, entschlafen, fallen, umkommen, ums Leben kommen, abkratzen, draufgehen, verrecken, entschlafen, krepieren, Zeitliches segnen, ins Gras beißen, Geist aufgeben, um die Ecke gehen, Augen für immer schließen, das letzte Stündlein geschlagen, dran glauben müssen oder für jemanden gestorben zu sein.

Eine andere Frage könnte sein, wie der Tod aussieht: Düstere Kluft, Sense, ein blasser Mann, ein Knochenmann oder auch Gevatter Tod.

Wie sieht das Sterben aus?

Der Tod kann langsam oder schnell, vorbereitet oder unvorbereitet, mit Schmerzen oder ohne Bewusstsein oder in Frieden oder zu früh, sowie laut oder leise sein.

Tunnel, Stiege

Eine andere Frage kann sein, was denn genau Trauer ist. Ursprünglich stammt das Wort von dem Mittelhochdeutschen truren ab, was so viel wie „Kopf sinken“ bedeutet. Trauer ist sehr persönlich und individuell, um Veränderungen wie das Sterben zu verarbeiten. Es gibt viele unterschiedliche Anzeichen von Trauer, die ich gesammelt habe:

  • Ohnmacht
  • Verzweiflung
  • Endgültigkeit
  • Selbstvorwürfe
  • Erschütterung
  • Tränen
  • Wut
  • Schmerzen
  • Einsamkeit
  • Leere
  • Angst
  • Abwesenheit
  • Traurigkeit
  • Verlassen werden
  • innere Unruhe
  • Kummer
  • Sehnsucht
  • Verlorenheit
  • Wehmut
  • Melancholie
  • Herzrasen
  • Zugeschnürte Kehle
  • Magen- und Nackenschmerzen
  • Zittern
  • Weinen
  • Stiche in der Brust
  • Appetitslosigkeit
  • Übelkeit
  • Erschöpfung
  • Atemnot

Auch die Frage, wie man sonst noch Trauer ausdrückt, ist spannend: In manchen Kulturkreisen trägt man Weiß, in anderen wiederum schwarze Kleidung.

Macht der Tod einen Sinn?

Verschiedene Religionen und auch die Philosophie geben eine Antwort darauf:

„Den eigenen Tod stirbt man nur. Den Tod anderer muss man leben“

Mascha Kaléko „Memento“

Wie kann uns die Philosophie helfen?

Epikur war der Ansicht, dass der Tod den Verlust aller Empfindungen mit sich bringt. Das bedeutet gleichzeitig aber auch, dass wir nicht vorm Tod Angst haben sollten, denn wenn der Tod da ist, sind wir nicht da und wenn wir da sind, ist der Tod nicht da. es gibt kein Leben danach, Existenz endet, aber auch keine Angst, da es keine Empfindungen mehr gibt, also auch keine Schmerzen.

Die Schule der Stoa war der Ansicht, dass man dem Tod gelassen entgegensehen sollte. Die zwei stoischen Tugenden Apathie, die Leidenschaftslosigkeit und die Ataraxie, die Seelenruhe, lehren, dass man den Lauf der Dinge akzeptieren muss.

Sokrates sah den Tod als den Untergang zu einem traumlosen Schlaf, so war der Tod kein Ende, sondern lediglich ein Übergang, um beispielsweise mit interessanten Persönlichkeiten kommunizieren zu können. Sokrates beruhigte somit die Menschen auch und sagte, dass man keine Angst vor dem Tod haben sollte, da er lediglich ein traumloser Schlaf und Übergang ist zu einem Ort, an dem wir weiter philosophieren können.

Platon sah den Tod als Befreiung, der endgültigen Trennung von Leib und Seele.

Zhuangzi bewertete das Trauern als selbstsüchtig, da man eigentlich den Tod, wie alle anderen Lebensetappen, feiern sollte.

Schopenhauer war der Ansicht, dass der Tod den Kreislauf des Seins darstellt. Wenn es das Nichtsein sei, das uns am Tod schrecke, so müssten wir schon über das Nichtsein vor der Geburt erschrecken. Denn vor der Geburt liege schon jene Unendlichkeit ohne uns, die wir als Stachel des Todes fürchten. Mit dem Tod kehrt der Mensch nach Schopenhauer also nur in jenes Nichts zurück, dem er ohnehin entstammt.

Camus sah den Menschen angesichts des Todes vor der radikalen Möglichkeit seiner Freiheit: Der Selbsttötung. Ihr Vollzug wird allerdings als Flucht vor der „Absurdität“ der menschlichen Existenz verstanden, die Camus im Mythos von Sisyphos versinnbildlicht hat. Das Leben ist sinnlos, es gibt keinen höheren Sinn.

Nagel war der Überzeugung, dass wir nur vor dem Tod Angst haben, weil wir das Gefühl haben etwas zu verabsäumen (FOMO – fear of missing out), doch wenn wir vor unserem Leben Dinge versäumt haben, wieso bewerten wir die Dinge, die nach uns folgen, mehr?

Der Ratschlag lautet also, den Tod und die Trauer in unserem Leben zuzulassen und zu integrieren, anstatt ihn auszugrenzen.

Quellen

  • Anwar, Petra und von Düffel, John: Geschichten vom Sterben. Zürich: Piper München 2013. Ayer, A.J.: „Unbeantwortbare Fragen“ In: Fehige, Christoph / Meggle, Georg / Wessels, Ulla (Hg.): Der Sinn des Lebens. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 2002. Seite 34 – 36.
  • Ayer, A.J. „Menschliche Zwecke und große Zwecke“ In: Fehige, Christoph / Meggle, Georg / Wessels, Ulla (Hg.): Der Sinn des Lebens. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 42002. Seite 189 – 194.
  • Bohlken, Eike / Thies, Christian (Hg.): Handbuch Anthropologie. Der Mensch zwischen Natur, Kultur und Technik. Stuttgart Weimar: J.B. Metzler Verlag 2009.
  • Bucay, Jorge: Das Buch der Trauer. Wege aus Schmerz und Verlust. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch ²2016.
  • Brokemper, Peter. Tod – Ein Projektbuch: Hintergründe, Perspektiven, Denkanstöße. Mülheim an der Ruhr: Verlag an der Ruhr 2012.
  • Camus, Albert.: „Der Mythos von Sisyphos“ In: Fehige, Christoph / Meggle, Georg / Wessels, Ulla (Hg.): Der Sinn des Lebens. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 2002. Seite 85 – 87.
  • Forschner, Maximilian: Über das Glück des Menschen. Aristoteles, Epikur, Stoa, Thomas von Aquin, Kant. Darmstadt: Primus Verlag 1994.
  • Frankl, Viktor.: „Der Wille zum Sinn“ In: Fehige, Christoph / Meggle, Georg / Wessels, Ulla (Hg.): Der Sinn des Lebens. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 42002. Seite 120 – 122.
  • Gahlmann, Alfred: „Der eigene Tod – ein Tabu?“ In: Jansen, Hans Helmut (Hrsg.): Der Tod in Dichtung, Philosophie und Kunst. Darmstadt: Steinkopff 1989, Seite 571 – 575.
  • Geiß, Paul Georg: Fachdidaktik Philosophie. Kompetenzorientiertes Unterrichten und Prüfen in der gymnasialen Oberstufe. Opladen, Berlin und Toronto: Verlag Barbara Budrich 2017.
  • Grad, Friedrich Wilhelm/ Meier, Heinrich (Hg.): Der Tod im Leben. Ein Symposion. München Zürich: Piper 2004.
  • Grün, Anselm: Was kommt nach dem Tod? Die Kunst zu leben und zu sterben. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 2014.
  • Günther, Anders.: „Die Antiquitiertheit des Sinens“ In: Fehige, Christoph / Meggle, Georg / Wessels, Ulla (Hg.): Der Sinn des Lebens. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 42002. Seite 130 – 141.
  • Hare, R.M.: „Alles egal“ In: Fehige, Christoph / Meggle, Georg / Wessels, Ulla (Hg.): Der Sinn des Lebens. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 2002. Seite 110-116.
  • Kachler, Roland: Damit aus meiner Trauer Liebe wird. Neue Wege in der Trauerarbeit. Stuttgart: Kreuz Verlag 2007.
  • Kolossa, Bernd: Grundwissen Psychologie. Sekundarstufe 2. Berlin Cornelsen. 2016. Kratschmar, Andreas / Teuschl, Hildegard: Begleiten bis zuletzt. Wien: Dachverband Hospiz Österreich 72014. Kuster, Friederike: Philosophische Geschlechtertheorien. Zur Einführung. Hamburg: Junius Verlag GmbH 2019.
  • Lacina, Katharina: Tod. Wien: Facultas Verlags- und Buchhandlung 2009. Liessmann, Konrad Paul (Hg.): Ruhm, Tod und Unsterblichkeit. Über den Umgang mit der Endlichkeit. Philosophicum Lech. Band 7. Wien: Paul Zsolnay Verlag 2004.
  • Liessmann, Konrad Paul / Zenaty, Gerhard / Lacina, Katharina (Hg.): Vom Denken. Einführung in die Philosophie. Wien: Wilhelm Braumüller 2007. Macho, Thomas / Moser, Manfred / Subik Christof (Hg.): Arbeitstexte für den Unterricht. Ästhetik. Stuttgart: Philipp Reclam 1986.
  • Mauthner, Fritz: „Sinn des Lebens“ In: Fehige, Christoph / Meggle, Georg / Wessels, Ulla (Hg.): Der Sinn des Lebens. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 42002. Seite 29 – 33. Nagl-Docekal, Herta: Feministische Philosophie. Wien, München: R. Oldenbourg Verlag ²1994.
  • Nussbaum, Martha: Gerechtigkeit oder Das gute Leben. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1999.
  • Rieger-Ladich, Markus. Bildungstheorien. Zur Einführung. Hamburg: Junius Verlag GmbH 2019. Roter Anker: Ratgeber für Erwachsene, die trauernde Kinder und Jugendliche begleiten. Wien: CS Caritas Socialis GmbH. ²2014. Schipperges, Heinrich: „Das Phänomen Tod“ In: Jansen, Hans Helmut (Hrsg.): Der Tod in Dichtung, Philosophie und Kunst. Darmstadt: Steinkopff ²1989, Seite 15-25.
  • Schroeter-Rupieper, Mechthild: Praxisbuch Trauergruppen. Grundlagen und Methoden für Erwachsene, Jugendliche und Kinder. Ostfildern: Patmos Verlag 2015.
  • Straßenberger, Grit: Hannah Arendt. Zur Einführung. Hamburg: Junuis Verlag GmbH 2018. Student, Johann-Christoph / Mühlum, Albert / Student, Ute: Soziale Arbeit in Hospiz und Palliative Care. München Basel: Ernst Reinhard Verlag ²2007.
  • Taylor, Richard.: „Sisyphos und wir“ In: Fehige, Christoph / Meggle, Georg / Wessels, Ulla (Hg.): Der Sinn des Lebens. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 42002. Seite 87 – 95. Vasek, Thomas: Philosophie! Die 101 wichtigsten Fragen. Darmstadt: WBG 2017, S. 163.
  • Voland, Eckart: Die Natur des Menschen. Grundkurs Soziobiologie. München: C.H.Beck 2007. Wittwer, Héctor: Philosophie des Todes. Grundwissen Philosophie. Stuttgart: Philipp Reclam 2009.

Abbildungen: Friedhof, Death Metal, Urne, Friedhof Auto, Leichenhaus, Krankenhaus, Hospiz Österreich, Memento Mori, Halloween, Mexiko Tag der Toten, Oscar in Memoriam, Schneewittchen, Sherlock Holmes, CSI, Zombie, Nosferatu, Titanic, Dobbys Tod in Harry Potter, John Snows Tod in Game of Thrones, Death Note, Stirb langsam, Die Sims, Aeriths Tod in Final Fantasy VII, Sensemann, Gevatter Tod, Grimms Märchen

Mehr von mir: