Was lesen wir in der Schule?

Vom Nibelungenlied zu Goethe mit Faust oder Die Leiden des jungen Werthers, zu Büchners Woyzeck oder auch Kafkas Verwandlung. Jeder hat seine Erfahrung mit dem einen oder anderen Werk gemacht, besonders mit kleinen, gelbe Büchern.

Was ist der Kanon?

Die Bücher, die im Deutschunterricht gelesen und besprochen werden, sind oft auch als geheimer Kanon bekannt. Am Namen geheimer Kanon erkennt man schnell, dass so eine Liste nicht im Lehrplan verankert oder wirklich vorgeschrieben behandelt werden muss – und trotzdem werden nach wie vor Faust und Co. in der Schule gelesen. Wenn es also keine offizielle Liste gibt, sei es von seitens des Bildungsministeriums oder einer spezifischen Schule, wieso lesen alle nur dasselbe lesen? Kritik gibt es deswegen viel: Sei es die lebensfremde Sprache oder auch schwierige Themen, mit denen man sich schwer identifizieren kann. Die Lehrperson könne ja dann auch jedes Jahr die Bücher recyclen, weil man jede Schulstufe ja dasselbe liest. Doch wie sieht denn eine Alternative aus? Braucht es bei jedem Buch immer einen Bezug zur Gegenwart, muss alles „vorgekauft“ werden? Muss man sich mit den Büchern identifizieren? Und je nachdem, wie man die Aufgabe des Literaturunterichts siehst, kann man sich fragen, inwiefern diese Klassiker wirklich Lesefreude schaffen?

Denn wenn man auf den Kanon blickt, merkt man ganz schnell, dass er alles andere als ausbalanciert ist: Die meisten Werke auf den Listen, die beispielsweise Zeitungen veröffentlichen, sind Romane, danach folgen dramatische Texte und fast immer fehlen lyrische Texte. Man kann aber auch noch etwas anderes betrachten – wie sieht es mit der Verteilung von männlichen und weiblichen Autor*innen aus? Und wieso lesen wir in der Schule nicht mehr Weltliteratur? In diesen Breitengraden findet man europäische Werke noch im Fremdsprachenunterricht, aber von Weltliteratur kann man da trotzdem nicht sprechen.

Was machen wir mit den Büchern im Unterricht?

Die Frage spinnt sich weiter, wenn wir uns fragen, ob man diese Bücher einfach nur liest und fertig. Welche Rolle spielen das Reflektieren, Portfolios, kreative Arbeiten wie Theater oder Film?
Als Lehrerin kommt bei mir auch die Frage der Benotung auf – sollte man kreative Leistungen bewerten und wenn ja, wie? Sind da Tests wirklich angebracht oder sollte es zur Mitarbeit zählen? Spricht das nicht erstens gegen die Kreativität und zweitens gegen die Lesefreude?

Was bringt die Zukunft?

Kann man den geheimen Kanon verändern und wenn ja, wie sollte er sich verändern? Und wer darf das dann entscheiden?

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