42 Tagebücher – 10 Jahre

Während des Lockdowns haben viele Leute ihren Besitz aussortiert, neu organisiert und ausgemistet.

Ich habe alle meine Tagebücher aus den letzten 10 Jahren eingescannt.

10 Jahre sind eine verdammt lange Zeit und wenn ich mir diesen Bücherstapel ansehe, muss ich vor allem lächeln.

Wie kann man so lange Tagebuch schreiben?

Ich habe mir einfach keinen Zwang auferlegt. Es gab tatsächlich Zeiten, da habe ich nur alle paar Wochen einen Stift in meine Hand genommen, zu anderen Zeiten war es mehrmals am Tag. Manchmal hatte ich das klischeehafte „Liebes Tagebuch„, ein anderes Mal war es eine Auflistung, was ich den ganzen Tag so gemacht habe, sehr statistisch und analytisch. So wie ich mich verändert habe, haben sich auch meine Bedürfnisse geändert, wie ich mich einem Blatt Papier anvertraue.

Wie sehen meine Tagebücher aus?

Ich bin stolz auf meine Sammlung:

Doch so spannend das Äußere auch ist, ist es doch vor allem das Innere, mit dem ich wirklich eine Verbindung habe. Vieles ist natürlich peinlich zu lesen, es ist eine Dokumentation meiner Teenie-Jahre. Viele Szenen habe ich so detailliert rekonstruiert und nacherzählt, dass ich jetzt, Jahre später, sofort in die Zeitmaschine steige. Manches von dem ist natürlich auch traurig, da ich ja immer weiß, wie die Sache ausgehen wird und es oft nicht das Ende war, das ich mir gewünscht habe.
In meinen Tagebüchern habe mir wirklich viele Dinge aufgehoben:

In meinen Tagebüchern finde ich aber nicht nur meine Erzählungen oder Fotos, sondern auch in inmitten der Worte so viele meiner Gedankenmuster. Jahre später sehe ich Erklärungen für mein Verhalten, was mich glücklich gemacht oder verletzt hat.

Was habe ich durch das tagebuch schreiben gelernt?

Es gibt so viele, was ich beim erneuten Lesen gelernt habe. Das Schönste ist vor allem, dass Japanisch lernen wohl mein Schicksal war. Schon mit 14 Jahren, als ich zu schreiben begonnen haben, habe ich Hiragana und Katakana, also das „Alphabet“ des Japanischen, zwischen meinen Erzählungen hineingekritzelt. Damals noch mit deutscher Übersetzung, die ich jetzt beim Lesen gar nicht mehr so oft brauche. Ich habe auch Namen auf Japanisch geschrieben und so oft mir gewünscht, nach Japan zu reisen. Beim Einscannen der Tagebücher wurde ich daher oft sentimental, wenn mir aufgefallen ist, wie gewunden mein Weg zwar war, aber, dass ich gar nicht so verloren war, wie ich oft gedacht habe.
Ich sehe natürlich auch sehr oft, dass ich eher in die Liebe selbst verliebt war, als tatsächlich in die Menschen, ich wollte unbedingt ein verliebtes, junges Mädchen sein. Es war oft das Zentrum meines Lebens – was wäre passiert, wenn ich mich schon damals besser kennengelernt hätte? Heute verstehe ich auch die Kritik viel besser, die mir gegenüber geäußert wurde.
Ich habe durch meine Tagebücher auch gelernt, dass mir manche Sachen auch heute noch sehr unangenehm sind. Zurückreisen wäre sehr spannend, was würde passieren, wenn ich mit einem Selbstbewusstsein einer 24-Jährigen die Situation löse?

Wieso schreibe ich immer noch Tagebuch?

Tagebuch schreiben ist natürlich zeitaufwendig. Trotzdem sehe ich auch Jahre später den Nutzen für mich: Ich erinnere mich, ich kann Situationen nachvollziehen und vor meinem inneren Augen Szenen wieder lebendig werden lassen. Es ist meine Zeitkapsel.
So sind es die Seiten, auf denen ich verliebt meinen ersten Kuss beschreibe, die Seiten, in denen ich stolz von meinen Maturanoten berichte, die Seiten, die mir zeigen, dass das Schreiben für mich Teil meines Wohlbefindens ist.

Wieso scanne ich meine Tagebücher ein?

Im Lockdown habe ich sie alle eingescannt, weil sie nach und nach mehr Platz brauchen, wie du vielleicht auf den Fotos schon gesehen hast. So sehr ich sie auch liebe, ist mir meine räumliche Freiheit wichtiger, deswegen werde ich mich nach und nach von den physischen Versionen trennen und mich an den Scans erfreuen 🙂

Wieso du auch Tagebuch schreiben solltest