Terror in Wien

Dies ist kein Newsartikel. Wenn du Nachrichten zu diesem Thema verfolgen willst, kannst du beispielsweise auf ORF, Standard oder Vienna.at mehr dazu erfahren. Das ist ein Bericht, wie ich persönlich davon erfahren habe und wie sich seit Dienstag der Alltag in Wien für mich verändert hat.

Der Abend des Anschlags

Am Montagabend wollte ich noch lernen, einen Text für Literaturwissenschaft lesen, alles sehr kompliziert, und als mich mein Freund angesprochen hat, habe ich ihn darauf hingewiesen, dass ich mich ja konzentrieren wollte.

„Schau auf dein Handy“ hat er mir gesagt.

Ich verdrehe ich die Augen, öffne What’s App und bemerke, dass ich unzählige Nachrichten bekommen habe. Als Erstes sehe ich einen Link zu einem Nachrichtenartikel names „Terror in Wien“. Dann klicke ich auf ein Video, wie jemand am Schwedenplatz, einem Ort, an dem ich schon oft war, mit einer Waffe herumrennt und schießt.

Es sieht aus wie ein Film, wie ein Videospiel, es fühlt sich an wie eine spannende Szene in einem Thrillerbuch. Ist das wirklich Wien? Ist es wirklich der Schwedenplatz, wo ich mit meinen Geschwistern Eis essen war und mit Freunden den Sonnenuntergang am Donaukanal genossen habe?

Ich schaue meinen Freund an und öffne die anderen Nachrichten: Freundinnen fragen mich, ob ich in der Wohnung bin, unzählige Nachrichten, aber ich bin immer noch verwirrt, was wirklich los ist.

Als ich auf die ORF Seite gehe, sehe ich einen Link zu einer Spezialshow – Reporter*innen berichten, was vor sich geht, der Moderator versucht, alle Informationen immer und immer wieder zu wiederholen: Es gibt einen Terroranschlag in der Innenstadt in Wien, ein Täter wurde getötet, mehrere sind noch unterwegs. Menschen sollen aus der Gegend fliehen, sich in Restaurants, Hotels und Cafes verstecken, alle anderen sollen bis auf weiteres in ihren Häusern bleiben.

Stundenlang haben mein Freund und ich die Nachrichten verfolgt, wir konnten einfach nicht wegsehen, die tausenden rot-weißen Lichter in der Stadt zusehen, in der wir leben, hat uns erschüttert. Durch den Lockdown, der am nächsten Tag eingetreten wâre und das warme Wetter waren viele Menschen draußen unterwegs, Menschen, die jetzt in Gefahr schwebten, Menschen, die verletzt wurden und Menschen, die aufgrund der Tat verstorben sind.

Der Tag danach

Mit dem Livestream im Ohr bin ich eingeschlafen und am nächsten Tag aufgewacht mit einer Pressekonferenz um 6 Uhr – die Schulpflicht sei für Wiener Schulkinder ausgesetzt.

Ich hatte mit ganz anderen Informationen gerechnet, beispielsweise, dass die anderen Täter gefunden werden konnten, aber das zu hören, die Schulpflicht ausgesetzt, das hat mich verängstigt. Mein Arbeitgeber gab allen die Möglichkeit, im Home Office zu bleiben, aus Sicherheitsgründen.

Nebenbei verfolge ich die Nachrichten, konzentrieren kann ich mich nur schwer, halte auch bei der Schweigeminute zu Mittag inne und sehe wie Politker*innen Kränze niederlegen an einem der Tatorte. Als ich einen Fotografen weinen sehe, realisiere ich erstmals, dass das alles wirklich passiert ist. Auch als ich internationale Berichte lese, wie beispielsweise BBC, Euronews, New York Times und The Guardian wird mir klar, dass dieses Attentat Teil der österreichischen Geschichte geworden ist.

Nicht nur auf den offiziellen Medienkanälen sieht man Bilder und Videos, nein auch in den sozialen Netzwerken – auch Bildmaterial, das man lieber vergessen würde.

Im Laufe des Tages wird seitens der Polizei verkündet, dass es tatsächlich doch nur ein Einzeltäter war, der es in 9 Minuten geschafft hat, 6 Tatorte in der Wiener Innenstadt zu schaffen und 4 Menschen zu töten, sowie 22 Menschen zu verletzen. Ersthelfer werden im Fernsehen gezeigt, junge Männer, die Erste Hilfe bei einem verletzten Polizisten leisteten und ihm so das Leben gerettet haben.

Was seitdem passiert ist

Österreich war bis einschließlich gestern, Donnerstag, 5.11.2020, in Staatstrauer. Öffentliche Veranstaltungen wurden abgesagt (im Zuge des Lockdowns in Österreich allerdings sowieso irrelevant), sowie sollten die Flaggen auf öffentlichen Gebäuden auf Halbmast hängen.

Unterschiedliche Themen sind seit der Tat am Montagabend in der Politik und in Medien besprochen worden:

Das Thema der Gerüchte in Social Media. So wurde am Abend des Geschehens behauptet, es gäbe Geiselnahmen oder Anschläge in anderen Städten und Bundesländern. Es wurden auch einige Videos manipuliert mit anderen Anschlägen kombiniert.

Ein anderes Thema war Zensur von Medien, da einige Nachrichtenplattformen unzensierte Videos mit den Gewalttaten direkt hochgeladen haben, bei dem beispielsweise Blut zu sehen waren und einige Werbepartner haben sich daraufhin distanziert.

Die größte Diskussion gestaltet sich um die Frage: „Hätte man es verhindern können?“, vor allem, als klar wurde, dass Österreich beispielsweise informiert wurde, dass der Täter im Sommer in der Slowakei Munition kaufen wollte. Deswegen wurde eine unabhängige Untersuchungskommission ins Leben gerufen, um dem nachzugehen. Es wird sich zeigen, ob es Umstrukturierung, Rücktritte oder andere Maßnahmen gibt.

In so einem schwierigen Jahr, das nicht nur den COVID-19 Lockdown mit finanziellen, persönlichen und emotionalen Folgen mit sich brachte, fiel es mir wirklich schwer, den Kopf oben zu halten. Der 3.11., der Tag nach dem Anschlag, war mein Geburtstag, von dem ich sowieso wusste, dass ich ihn nicht im Kreise der Familie oder Freund*innen feiern kann, aber dass ich an diesem Tag nicht einmal von Herzen lächeln kann, hätte ich nicht erwartet.

Ich persönlich freue mich über eine kleine Sache: In den (meisten) Medien gibt es keine Hetze gegen eine Religion oder Kultur, sondern stattdessen den Fokus auf Menschen, die friedlich zusammenleben wollen und jene, die in Gewalttaten den Sinn sehen.

Wenn du jemanden zum Reden brauchst

  • Corona-Sorgenhotline: (01) 4000 53000 von 8.00 bis 20.00 Uhr (nun auch Terror-Anlaufstelle)
  • Psychiatrische Soforthilfe für Wien: (01) 31 330 rund um die Uhr
  • Notfallpsychologischer Dienst Österreich: 0699 188 554 00 rund um die Uhr
  • Kriseninterventionszentrum: (01) 406 95 95
  • Servicetelefon der Kinder- und Jugendhilfe: (01) 4000 8011

Mein Leben

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