Lehramtsstudium Uni Wien – Nein danke?!

Nach neun Semestern habe ich mein Lehramt-Bachelorstudium Deutsch, Psychologie und Philosophie an der Universität Wien abgeschlossen. Jetzt bin ich Lehrerin für die Sekundarstufe 1 und 2, darf also an Neuen Mittelschulen, allgemeinbildenden oder berufsbildende höheren Schulen unterrichten, sprich die Jahresgruppen zwischen 10 und 19.

Was ich nach viereinhalb Jahren so über mein Bachelorstudium denke, was gut und schlecht war, wieso ich ein Semester länger gebracht habe, was ich vielleicht anders machen und ob ich es dir weiterempfehlen würde, kannst du in diesem Eintrag von mir erfahren.

Wie war mein Studienbeginn?

Zu Beginn gab es viel Vorfreude von meiner Seite, da ich früher nicht oft Wien besucht habe und Deutsch, Psychologie und Philosophie meine Lieblingsfächer in der Schule waren. Ich konnte es gar nicht abwarten, endlich noch mehr darüber zu erfahren.
Bis ich aber in den Kursen war, musste ich pendeln und so verwandelte sich mein „Schulweg“ von 15 Minuten in 70 Minuten, ab mit dem Fahrrad zum Bahnhof, zum Zug, zur U-Bahn, zur Strassenbahn, zu Fuss in den Hörsaal.
Den Beginn meiner Studienzeit verbinde ich eben mit diesem Pendeln, Verlaufen in viel zu großen und unübersichtlichen Gebäuden und dem Sitzen in vollgepackten Einstiegsveranstaltungen. Durch diese ganze Action vergingen die ersten Wochen und Monate extrem schnell, aufstehen, pendeln, lernen, pendeln und abends tot ins Bett fallen. Am Wochenende nachbereiten und ab zum Samstagsjob. Da hat nicht nur mein persönliches Wohlbefinden darunter gelitten, sondern auch mein Familienleben und meine Beziehung.
Als ich schließlich nach Wien gezogen bin wurde mein Alltag wieder angenehmer, ich konnte meine Freiheiten ausleben und Neues kennenlernen: Freiwilligenarbeit, Sport, Veganismus oder auch dieser Blog hier.
Am Anfang des Studiums haben mir auch die Prüfungen viel Angst gemacht, die Situationen waren viel „kühler“ mit Aufsicht und Abstand (damals noch wegen Schummeln), aber auch, weil ich meine Lehrerinnen und Lehrer, jetzt Professorinnen und Professoren genannt, gar nicht mehr so recht kannte, ich sah sie (wenn’s hochkommt) vielleicht 12, 13 Mal für eineinhalb Stunden im Semester.

Was hat mir gefallen?

In der ersten Zeit war ich so fasziniert, da mich alle Themen angesprochen haben: Wie man Textkompetenz erlernt, Allgemeine Psychologie oder die Anfänge der Philosophie in der Antike – es fühlte sich an wie eine nicht endende Schulstunde, die ich mir schon so oft gewünscht hatte. Das waren die Momente, in denen ich etwas gelernt habe, etwas, das meinen Blick auf die Welt verändert hat. Wenn es Klick gemacht hat, wenn Theorie und Praxis sich miteinander verbinden.

Durch mein Lehramtsstudium hat es auch einige Praktika gegeben, die alle sehr spannend waren: Manchmal konnte ich inhaltlich viel lernen, manchmal auf zwischenmenschlicher oder sozialer Ebene. Ich durfte verschiedene Bezirke Wiens und Städte in Niederösterreich erkunden und so viele Schulen kennenlernen – keine gleicht der anderen, nicht nur aufgrund des Gebäudes.

Das Erstellen des Semesterplans jeden Februar und September hat einerseits immer viel Spaß gemacht, weil man sein Leben für die nächsten drei Monate planen konnte, manchmal wurde aber einem auch klar, dass man nicht das umsetzen kann, was man eigentlich wollte.

Ferien gibt es an der Universität genügend, wobei dadurch auch die Zeit während des Semesters, wenn man sich ein bisschen zu viel eingeteilt hat, dafür umso mehr „reinhaut“. Manchmal wünsche ich mir, dass im September die Universität schon losgeht, da sich dadurch die thematischen Inhalte ein bisschen mehr verteilen würden…

Meine beiden Bachelorarbeiten habe ich erfolgreich in zwei Monaten geschrieben (wie ich das geschafft habe, kannst du nächste Woche im Beitrag lesen), was zwar unheimlich stressig, aber thematisch gesehen der perfekte Abschluss war. Die Recherche und das Beantworten meiner Forschungsfragen haben mir unheimlich Spaß gemacht.

Nicht nur die Themen haben Spaß gemacht, sondern auch die örtliche Gebundenheit: Die unzähligen Bibliotheken, Tische und Nischen, auf denen man sich ausbreiten und lernen kann. Manchmal ist es etwas zu kalt, manchmal etwas zu warm, aber trotzdem ertappe ich mich immer wieder, wie ich zurückkomme. Alle anderen dort wollen sich auch konzentrieren, so wie ich, so fällt mir das Lernen, Recherchieren und manchmal auch nur das Lesen unendlich viel leichter.

Ganz am Ende des Studiums habe ich mich auch darüber gefreut wie viele Umfragen gesendet wurden, wie mir denn das Studium gefallen hätte und man durfte sogar seine Lieblingslehrenden nominieren. Ein bisschen unpersönlich so via Email, aber organisatorisch verständlich.

Was hat mir nicht so gut gefallen?

Die Administration an der Universität finde in Revue am anstrengendsten… Es ist schwierig, weil man als Studierender die internen Abläufe nicht ganz versteht und ich persönlich deswegen sehr oft das Gefühl hatte „wie der letzte Dreck“ behandelt zu werden, als hätte ich einen Fehler begangen, weil ich nachgefragt habe. Mein Tipp, falls du auch in so einer Situation stecken solltest: Geh persönlich hin oder, in Zeiten wie diesen, versuche an eine Telefonnummer zu kommen. Emails… naja, sind nun mal Emails.

Oft habe ich mich auch ein wenig isoliert gefühlt, in den Lehrveranstaltungen wird manchmal heftig über Themen diskutiert, die ich nicht ganz verstand und so fühlt man sich vielleicht schnell „dumm“.

Dass ich eine kommissionelle Prüfung machen musste fand ich auch ziemlich beschissen, aber da kann ich wirklich nicht den Finger auf das System Universität zeigen ohne selbst in den Spiegel zu sehen und zu wissen, dass es zum größten Teil meine Schuld war.

Die Situation der Freundschaften an der Universität war für mich persönlich auch etwas schwierig, wo aber wiederum die Universität selbst nichts dafür kann. Am Beginn meines Studiums habe ich mich sehr über mein Dasein als Studentin. Irgendwann ist mir dann aber aufgefallen, dass ich nicht nur die Studentin sein will und vor allem konnte ich das auch gar nicht mehr. Mein Umzug, meine Teilzeit-Arbeit und meine Priorität am Wochenende meine Familie besuchen zu können haben alle mit rein gespielt, dass es mir schwer fiel, Freundschaften zu finden. Da man ja auch nicht jeden Tag am selben Ort ist, wie früher in der Schule, muss man sich bemühen neue Menschen kennenzulernen, Beziehungen zu pflegen und (sehr oft) Distanzen überwinden. Ich muss auch zugeben, dass ich die Universität und die Stille, die oft vorhanden ist, sehr genieße, eine willkommene Abwechslung zur Arbeit.

Wieso habe ich ein Semester länger gebraucht?

Schlauen Köpfen wird aufgefallen sein, dass ich ein Semester länger für mein Bachelorstudium gebracht habe – aber wieso?

Um ehrlich zu sein ist mit diesem Thema ganz viel Scham verbunden, weil ich mir in der Schule selbst immer einen Leistungsdruck gemacht habe. Im Laufe des Studiums ist mir aufgefallen, dass mich das reine Studieren nicht ganz so erfreut hat, wie ich es mir ursprünglich gedacht habe, aus unterschiedlichen Gründen:

  • Finanzielle Unabhängigkeit: Mir hat es damals nicht gefallen, fast 20 zu sein und noch nicht finanziell alleine dastehen zu können. So wollte ich ein paar Monate an der Karriere schrauben, damit ich meinen Eltern eine finanzielle Last abnehmen konnte. Von Supermarktaushilfe zur Nachhilfe ,auf den Weihnachtsmarkt und Frühschichten bei Zara und Co. Ich bin sehr dankbar, seit zwei Jahren in einer tollen Firma arbeiten und so viel Freude in diesen 20 Stunden haben zu können.
  • Anmeldung: Manchmal gibt es nicht genug Plätze in den Lehrveranstaltungen, manchmal wurden die Veranstaltungen dieses Semester nicht angeboten und warten war angesagt.
  • Oft nicht das gelernt, was ich wollte: Mir hat vor allem der Bereich Deutsch als Fremd- und Zweitsprache interessiert, weswegen ich dann extern eine Diplomausbildung zur Sprachtrainerin gemacht habe um meine Neugierde zu stillen.
  • Am schlimmsten aber… meine Unikrise: Selbstzweifel und Zweifel an der Institution, den Lehrenden und den Themen haben mich ein Jahr lang begleitet, mich manchmal zu der Frage gebracht „Lohnt es sich überhaupt noch?“

Was würde ich heute anders machen?

Um ehrlich zu sein würde ich nur eine einzige Sache anders machen: Früher das Latinum angehen. Zu lernen habe ich zwar rechtzeitig begonnen (ein Jahr vor Studienende), allerdings hat es nicht beim ersten Antritt nicht so recht geklappt, wodurch es am Ende ziiiiemlich eng wurde, da ja nicht jede Woche Prüfungstermine angeboten werden – mach nicht denselben Fehler wie ich! 😉

Solltest du Lehramt an der Universität Wien studieren?

Es kommt ganz darauf an, wie sehr du es willst. Vielleicht wirst du bessere Erfahrungen als ich machen, was mich freuen würde, vielleicht aber auch schlechtere. Was eigentlich zählt ist, wie sehr du es willst. Wenn du daran denkst, wirst du nervös, freust du dich, fallen dir Ideen ein, wie du etwas umsetzen kannst? Dann ist es genau das, was du studieren solltest. Sieh dir das Curriculum online an, finde Erfahrungsberichte vielleicht auf Facebook, Youtube und Co.

Mein Masterstudium hat vor einigen Monaten begonnen, kurz bevor in Österreich die Coronakrise Einzug genommen hat, jetzt ist der Alltag Moodle checken, an der Online-Vorlesung teilnehmen. Diese Woche hatte ich meine erste Online-Prüfung, was auch spannend war… Schauen wir mal, wie der Rest des Masterstudiums verläuft, ich bin guter Dinge!

In diesem Sinne wünsche ich dir Glück mit deinem Studium, falls du einen ähnlichen Weg wie ich gehen willst und einen schönen Tag!

Schule und Studium

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