Verurteilt vom anderen Geschlecht…

Ich bin eine Frau. Die meiste Zeit steht das nicht im Fokus. Manchmal wird man sich aber seines Geschlechts bewusst, wenn es direkt angesprochen wird. Manchmal auch, wenn es kritisiert wird.

Vor einigen Jahren war das bei mir der Fall, als ein Freund aus der Schule mir mit 16, 17 Jahren das Gefühl gegeben hat, ich bin nicht genug, ich reiche nicht.
Er machte er sich über meine Kleidung lustig, meine Augenbrauen, meine Schminke und meinen Körper, formulierte es kompakt in Vorschläge, an die ich mich künftig halten sollte, wenn es nach ihm ging zumindestens. Er zeigte auf andere Frauen und verglich mich mit ihnen, ich solle doch so meine Haare tragen, weil es weiblicher sei und solle mich so geben, weil das weiblicher sei. Er wüsste, von was er spreche, er sei ja ein Mann.

Ich war ihm wohl nie genug. Ich habe nie gereicht.

Das ging soweit, dass er mich sogar zu einer Diät ermutigt hat, obwohl es eigentlich keinen Grund dazu gab – bis er mich darauf ansprach. Ich fragte mich, ob ich denn tatsächlich zugenommen hätte.

So sah ich nach einer Weile ich beim Betrachten anderer Frauen nicht mehr Menschen und Persönlichkeiten, sondern das, was ich nicht hatte: Lange Haare, extrovertiertes Verhalten, kleine Nase… So unzufrieden war ich mit mir, meinem Aussehen, meinem Verhalten.

Noch schlimmer als diese Unzufriedenheit, war allerdings das Gefühl des Sieges, wenn er mich doch einmal gelobt hat. Es hat die Stimmung eines ganzen Tages verändert, so sehr habe mich gefreut. Aber eigentlich war es nur traurig – da ich es im Spiegel nicht sehen konnte, musste ich mich auf seine Worte verlassen.

Heute denke ich, dass er mir wahrscheinlich nur helfen wollte. Erreicht hat er das wirklich nicht, denn wenn ich heute daran zurückdenke, habe ich keine schöne Erinnerungen an diese Freundschaft. Es war eher wie Gift.
Ich bin mir sicher, dass ich nicht die Einzige bin, die einmal dieses Gefühl hatte, nicht richtig zu sein oder zu reichen… Und ich bin mir auch sicher, dass es Männer gibt, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. „Mann zu sein“, „Frau zu sein“…. Was heißt das schon? Wenn man in diese Bewertung hineingepresst wird, fühlt sich das echt einfach nur beschissen an.

Auch wenn die Frage nicht besonders nützlich ist, stelle ich sie mir:

Wer ist schuld daran, dass ich mich damals nicht mehr selbst leiden konnte?

Ich, für meine eigene Unsicherheit? Ich, weil ich mit ihm befreundet bleiben wollte? Oder er, weil er diese Dinge gesagt und mich und meinen Selbstwert manipuliert hat?

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