Der Autounfall

Ich habe es nicht kommen gesehen. Nie war das mein Plan, das könnt ihr mir glauben.

So verwest also die Leiche hier, zwischen Autositz und Lenkrad.

Begonnen hat alles mit einem Lied, unscheinbar und leicht. Ich hörte es und spürte sofort, wie es einen Fingerabdruck auf meinem Herzen hinterließ. Meine Seele begann, mitzusummen, zaghaft. Als mein Freund Lars und ich uns stritten, dieses Mal wegen Geld, schwirrte es durch meinen Kopf und es war, als würden sich meine Augen schließen, obwohl ich doch eigentlich hellwach war. Im Takte der Musik hörte ich einen Uhrzeiger, der immer und immer wieder tickte. Alles wurde dunkel, Lars wütendes Gesicht verschwand, als wäre ich in einem kleinen Zimmer, nur ein wenig Licht schien zwischen meinen Füßen, wie bei einem Türspalt. Als ich mich hinunterbeugen wollte, wurde der Lichtspalt immer größer und ich wurde immer kleiner und ich fiel hinein in ein Meer aus Helligkeit.

Als ich das nächste Mal meine Augen öffnete, entfernte sich mein Gesicht von Daniel, meinem ersten Freund. Ich war sprachlos, denn ich wusste sofort, in welchen Moment ich gelandet war: Mein erster Kuss, mit 17 Jahren auf der Veranda meiner Tante. Und dieser Kuss war nicht gut, selbst Melancholie und Erinnerung machten ihn nicht süßer. Aber ich realisierte, dass ich mit diesem Lied die Zukunft ändern konnte, vielleicht auf eine Art und Weise, dass Lars und ich weniger streiten würden. Vielleicht könnte ich verhindern, dass wir so unglücklich wurden. Vielleicht könnte ich verhindern, dass wir unglücklich bleiben würden. So bat ich um einen zweiten Kuss mit Daniel und verwendete die Waffen einer 26-Jährigen – der Kuss würde uns beiden nun besser in Erinnerung bleiben. Er schien danach irgendwie anders zu sein, anders, als ich ihn in Erinnerung hatte. Eigentlich ignorierte er mich nach dem Kuss, aber nachdem ich ihn herausgefordert hatte, schien er mich mehr zu mögen, hatte ich das Gefühl. Ich hatte die Vergangenheit verändert – nun, eigentlich die Gegenwart, da ich sie ja lebte.

Als ich wieder zurück war, nachdem ich erneut unter den Türschlitz gesehen habe, stritten Lars und ich nicht, sondern schauten zusammen fern, auf einem größeren Fernseher als zuvor. Ich wusste nicht, woher der plötzlich kam und sah die Lösung in meiner Reise in die Vergangenheit. „Ich hoffe, dir hat mein Essen geschmeckt“, flüsterte er mir zu. Ich sah ihn an – Lars und mir etwas kochen?

Nach dieser Erkenntnis versprach ich mir selbst, nur unter den Türschlitz zu sehen, wenn Lars und ich Probleme hatten oder wenn ich glaubte, dass ich unsere Zukunft besser gestalten könnte. Eigentlich war es ja nur so, als würde ich unserer Beziehung mehr bieten, andere tun das mit Geld, ich bezahlte mit Zeit. Ich wollte, dass wir wieder glücklicher wurden.

Ich sah mich zwar selbst nicht als Betrügerin, dafür wurde ich süchtig. Ich liebte es, wieder 17 zu sein, es war so einfach, so leicht, nur Schule und die Zukunft schien glattpoliert wie ein Taschenmesser zu sein. Wenn es in der Arbeit Stress gab, summte ich das Lied schon fast automatisch vor mich hin, brach meine selbsternannte Regel und wachte dann wieder auf, als ich schon längst mit Lars beim Abendessen saß. Es war mir egal, was ich verpasste, solange ich den schlimmen Dingen entgehen konnte. Ich kam zu dem Schluss, dass ich mit diesem Geschenk, mit dem Lied, immer den schlechten Momenten entfliehen können würde. „Das Lied hilft mir“, sagte ich mir immerzu.

Lars und ich stritten wieder, dieses Mal im Auto. Ich wollte das nicht, ich wusste, wie ich den Ausweg finden würde und begann, das Lied zu summen. „Anita, jetzt hör endlich auf mit dieser scheiß Melodie, du machst mir ja Angst, wie eine Verrückte bist du schon, so wie sich das anhört“, schrie Lars. Ich unterbrach meinen Versuch und sah ihn an. „Schau doch nicht so!“, meinte er und veräppelte mich, indem auch er das Lied summte.

Dieses Mal gab es keinen Türspalt, der mich auf das folgende hinwies, ich hörte einfach nur, wie etwas krachte, ob es Bäume oder Knochen waren, weiß ich nicht mehr.

Ich wachte in meinem Körper als 17-Jährige auf, Daniel und ich wollten ins Kino gehen, er nahm mich gerade an der Hand.  Ich versuchte, mich zurück in die Gegenwart zu summen, aber es ging einfach nicht. Wochen vergingen und ich blieb die 17-Jährige.

Und Lars… Es dauerte ein ganzes Jahr, bis ich unser Auto im Wald gefunden habe. Als wir neun Jahre in die Vergangenheit reisten, gab es den Teil dieser Straße noch nicht.

Das Geäst liegt auf dem Dach, es riecht nach Verwesung und meine Schuhe sind schmutzig.

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