Und nun… Lars

Lars sieht in den Kalender seiner Frau und will herausfinden, was heute ansteht. Elternsprechtag, Geschenke einkaufen für eine Geburtstagsfeier am Wochenende und die neuen Winterstiefel für die Kleine.

Sein Handy vibriert, der Bruder ruft ihn an. „Na, wie sieht es aus heute?“. Wie einen Blitz durchzuckt es Lars, er hat es völlig vergessen. Er wollte es Lena nicht sagen, deswegen steht es auch nicht im Kalender. „Du, hör‘ mal, ich bin mir sicher, dass ich kommen kann! Keine Sorge!“

Er kann seinen eigenen Geschwistern nie so wirklich sagen, wie sehr er sie liebt, die Worte fehlen ihm. Seine Brüder waren immer für ihn da. Im Moment gibt es so viele Probleme und er traut sich einfach nicht, mit ihnen darüber zu sprechen. Er will niemanden belasten, er will mit allen lachen.

In der Arbeit geht es gerade schlimm zu und sein Rücken tut ihm wieder weh. Nach der Operation hatte er auf eine Heilung gehofft, aber auch diese Situation scheint sich nicht zu bessern, egal, was er tut. Nachts kann er nicht schlafen, weswegen er Schlafmittel verschrieben bekommen hat. Die Situation löste dies aber auch nicht, weil die Nebenwirkungen ebenfalls Müdigkeit sind. „Es muss doch einen Arzt geben, der mich nicht mit Drogen vollpumpen will.“

In der Mittagspause bleibt er auf seinem Platz und recherchiert nach Ärzten in der Umgebung, die er noch nicht besucht hat.

„Hey, wie sieht es aus mit der Bilanz, krieg‘ ich den Bericht heute noch zu sehen?“, hört er plötzlich jemanden hinter sich sagen. Sein Arbeitskollege, Arton.

Lars antwortet schnell: „Ja, kein Problem. Mir fehlt nur mehr ein Monat, kommt heute noch.“

„Wenn du Hilfe brauchst, ich bin gerne da.“

„Ach nein, das ist nicht nötig, danke. Rechne 17 Uhr damit.“

Lars bringt den Elternsprechtag und das Einkaufen mit Verspätung und hinter sich, auch wenn die Kleine und der Große sich immer noch streiten. Er versteht das nicht, die Kindheit mit seinen älteren Brüdern war so schön gewesen. Zu Beginn haben sie Lars und Lena vorgewarnt, dass Streit unter Geschwistern etwas normal ist.

Am Abend, wenn alle schlafen, liegt er immer noch wach auf der Couch. Er war bis 21 Uhr bei seinem Bruder. Lena denkt, dass er sie nicht weniger liebt. „Wie falsch sie liegt“, murmelt er, als er die Fernbedienung sucht.

Lars kann ihr nicht sagen, dass er am Ende ist, mental, emotional und körperlich. Es ist kurz vor Weihnachten, auch sie hat viel zu tun: arbeiten, backen, kochen, Geschenke besorgen, dekorieren, Kinder erziehen. Er will auch für sie da sein, seine liebe Ehefrau. Gerade kann er das nicht und wäre nur eine Belastung, deshalb bleibt er lieber ganz fern und will alleine damit klar kommen.

Aber heute ist es anders, er will neben Lena wach liegen, nicht auf der Couch. Als er gerade aufsteht, knackst es in seinem Rücken und ihn durchfährt der schlimmste Schmerz, den er sich jemals hätte vorstellen können.

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