Und nun… Micah

Micah sitzt in der Bibliothek, so wie jeden Tag und lernt. Sein Laptop ist aufgeladen, er hat heimlich Nüsse hineingeschmuggelt und sein Lieblingskugelschreiber liegt zwischen dem blütenweißen Papier und dem Skript. Erfolg bringt ihm sein konsequentes Verhalten nicht wirklich, da er nachdenkt – aber nicht über das, was wichtig wäre.

„Bayan ist doch wirklich irre, als wäre ich abgebrüht“, rauscht es ihm durch den Kopf. Er ist wütend. Sie spricht mit ihm oft über die Zukunft, was ihn aber nicht interessiert. „Eigentlich will sie wahrscheinlich von mir, dass ich bei ihren Visionen in Freudentanz ausbreche“, denkt er, als er den Text unterstreicht. Die Buchstaben verschwimmen vor seinen Augen.

„Das ist doch alles einfach nur Mist.“

Und wenn er dann noch daran denkt, dass sie immer noch mit ihrem Ex Nachrichten austauscht, ist er gleich noch mehr gereizt. Angeblich ist das alles vorbei, aber Micah weiß, dass da etwas im Busch ist. Vor allem, weil Bayan so eine schöne Frau ist. Eigentlich kann Micah keinem Mann verübeln, wenn dieser etwas von Bayan will. Und ob er selbst jetzt mit Bayan oder einem anderen Mädchen zusammen ist, ist ja doch egal, solange es hübsch ist.

Er kneift die Augen zusammen und versucht, an etwas anderes zu denken. DOch dann hört er ein Geräusch, das er zu gut kennt. Zwei Reihen vor ihm, schräg rechts, sitzt ein Mädchen, das an seinen Nägeln kaut. „Dass man das nicht leise oder zuhause oder einfach überhaupt nicht machen kann…“ 

Ihm wird kalt und er zieht sich sein Hemd wieder an. Sehr wärmend ist es zwar nicht, aber es sieht gut aus und das gefällt ihm. Er ist nicht wie die anderen Studenten, die die ganze Sache nicht so ernst nehmen.

„Alles Idioten hier.“

Micah sieht zurück auf den Bildschirm: „Gemldä.“ Die Buchstaben verdrehen sich immer mehr und er steht auf, will in der Bibliothek ein wenig herumgehen.

Es hatte gerade wieder das neue Semester begonnen und Micah hatte bereits eine Jobzusage für sein kommendes Sommerpraktika. Micah weiß, dass er sich keine Sorgen macht und, dass er sich glücklich schätzt. Aber er spürt davon nichts.

Micah geht durch die Gänge in der Bibliothek und lugt zu den Hinterköpfen all der Menschen, die auch hier sind.

„Was für dämliche Frisuren manche Kleinkarierte haben….“

Und trotzdem: Sie alle kommen ihrem Ziel gerade ein Stück näher, was auch immer das sein sollte. Er weiß es. Und je mehr Micah sich selbst bemüht, auch seinem Ziel näher zu kommen, desto mehr fühlt er sich wie ein Hochstapler. Was gibt er eigentlich vor zu sein?

Er sieht sich die Bücher neben ihm an. Alt und verstaubt. Fraglich, wann sie das letzte Mal überhaupt berührt wurden.

Plötzlich, langsam, erkennt er, dass alles in seinem Leben ihn unglücklich macht. Es war am Wochenende besonders schlimm gewesen, als Bayan und er mit der Achterbahn fuhren und sein Lachen gekünstelt war, weil er sie beeindrucken wollte.

Zwischen den Büchern über die Keramikkunst im alten China und im 18. Jahrhundert in England beginnt er zu weinen.

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