Und nun… Yuki

Obwohl Yuki weiß, wie spät es ist, sieht sie trotzdem zur der Uhr an der Wand hin – um sicher zu gehen und ein paar wertvolle Sekunden der Stille zu gewinnen. „Höchste Zeit, beim Chef vorbeizusehen.“ Yukis Büro ist versteckt und verwinkelt, so konnte sie nicht von vielen gefunden werden. Allerdings beim Chef, das war eine andere Sache. Sein Büro war mit den Glasfenstern regelrecht entblößend, jeder sieht einen und erinnert mit stechenden, kritischen Blicken daran, welche Aufgaben noch offen sind. Aber sie sahen einen nicht wirklich an, sondern aneinander vorbei.

Yuki verzieht sich in das kleine Postkämmerchen, wo sie in Ruhe ihre Musik aufdrehen kann. Sie sieht auf die Etiketten: Briefe aus aller Welt. 

Langsam wandern ihre Augen vom einen Poststempel zum anderen: „Neuseeland, Portugal, Vietnam, Chile und Südafrika… Überall, wo ich einmal hinwollte“, murmelt sie in sich hinein, als ihr Handy vibriert.

Nach der zweiten Besprechung mit dem Chef verzieht sie sich wieder in die dunkleren Gänge und überlegt sich, was sie heute alles erledigen will. Draußen beginnt es zu schneien und Yuki geht hinaus, um Salz zu streuen. Eigentlich könnte sie ihre Kollegin anfunken, sie sind ein Team, aber Yuki gefällt es alleine besser, so ist sie schneller und kann ihre Ruhe genießen. Außerdem trifft sie dann dort immer den Typen von der Postzustellung, wenn sie vor dem Gebäude steht, sie mag es, mit ihm zu sprechen. Manchmal glaubt Yuki, dass sie jeden und zugleich niemanden in ihrer Nähe haben will.

Als Yuki gerade Kartons voller Mist hinausträgt, passiert es wieder.

„Hey, sag‘ mal!!“, hört sie plötzlich. Sie kneift ihre Augen zusammen und sieht, wie Hanna neben ihr steht. Sie hatte sie nicht einmal näherkommen gehört, trotz des Knirschens des Schnees. Hanna sah sie mit großen Augen an, ihr roter Mund bewegte sich. Durstig sieht Yuki ihn an.

Nach dem Gespräch kann sie nicht einmal benennen, was Hanna von ihr genau wollte. Sie war sich ziemlich sicher, dass sie einfach nur mit ihr reden wollte. Und sie war sich sicher, dass Hanna sie mochte.

Yuki hatte Angst davor, dazu zustehen. Denn sie mochte Männer und Frauen, sehr gerne sogar. Anfangs war es für sie okay, doch nach einiger Zeit bemerkte sie, dass es doch noch passieren konnte, dass sie am Ende gar niemand mochte. Yuki schmeißt den Karton auf dem Mistplatz unsorgfältig in den Eimer. Sie ist wütend.

Von außen wirkt sie taff, mit ihren Haaren und der Kleidung, die sie trägt. Sie spricht kaum und reißt dann und wann Witze, über die dann alle lachen. Innerlich aber ist sie davon überzeugt, dass sie eigentlich kein Glück verdiente.

Im Sportstudio lernte sie im Sommer diesen Mann kennen, der nicht so wirklich wie ein Mann wirkte. Sie mochte ihn sehr gerne. Als er sich körperlich annäherte, machte ihr das nichts aus. Sport löst Pheromone aus, das liegt auf der Hand. Als er emotional wurde, beendete sie die Sache und ging einfach nicht mehr in das Studio.

Im Gang hörte sie, wie zwei ihrer Arbeitskollegen diskutierten: „Ja, sei doch nicht so. Sie hat sich halt verändert seit dem Sommer, trotzdem macht sie ja noch ihre Arbeit! So ist das jetzt auch nicht.“

„Trotzdem, ich will ihr nichts mehr auftragen, sie sieht so wütend und so negativ aus.“

Yuki versetzt dieses Mitanhören von Verurteilungen innerlich keinen Stich. Sie weiß darüber Bescheid, dass über sie gesprochen wird. Eine andere Sache fällt ihr allerdings auf: „Seit dem Sommer?“

Geschichten

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.