Und nun… Seetje

Seetje steht am Fenster. Es ist noch früh und sie sieht, wie ihre Fensterscheibe anschlägt, weil sie zu knapp davonstehlt. Obwohl ihr 67. Geburtstag noch nicht lange her ist, tut ihr der Körper morgens gar nicht weh. Aber ihre Augen, die lassen nach. Die Brille trägt sie immer mit einer Schnur um den Hals, um sie nicht zu verlegen. Ihre Arme ruhen auf dem Fensterbrett, die Haende zwischen der Lilie und dem Bambus. Sie liebt ihre Pflanzen, die Kleinen und die Grossen, die Grünen und die Bunten.

Das Küchenfenster ist zwar gekippt, aber Seetje ist nicht kalt, da sie einen Schal und Pullover trägt. Fasziniert sieht sie zu, wie ihr Atem vor ihren Augen sichtbar wird – der Sommer ist wohl endgültig vorbei. 

Ihr Magen knurrt und sie nimmt noch einen Schluck von ihrem Grünen Tee. Jeden Morgen zieht sie ihn zwei Minuten lang, nicht zu kurz und nicht zu lange. Sie hat herausgefunden wie sie ihn am liebsten mag, vor vielen Jahren damals und machte sich so jetzt jeden Tag die perfekte Tasse Tee.

Seetje hat auch vor Jahren früh erkannt, dass ihr Leben ein wenig beschwerlicher wurde und engagierte für sich selbst eine Hilfskraft, die sie einen Tag in der Woche unterstützte. „Ohne Beatrice hätte ich vieles nicht geschafft“, denkt sie und sieht weiter auf die Straße vor ihrem Haus. Es ist bald sieben Uhr und die Nachbarschaft erwacht.

Ihre Hände wandern zu dem kleinen Bonsai auf dem Fensterbrett und sie spürt, dass einer der unteren Äste immer und immer weiterwachst. Sie weiß, dass er den kleinen Baum bald zu Fall bringen wird, wenn sie nicht eingreift.

Im Morgendunkeln tappt sie in die Küche und greift in die Lade, dort findet sie sofort ihre Schere. Ruhig geht sie zurück, hält den Bonsai in ihrer Hand und schneidet den Ast ab. Früher hatte sie sich nicht so getraut, in das Wachsen und Tun ihrer Pflanzen einzugreifen, doch als sie dann einige Pflanzen aufgeben musste, weil sie außer Kontrolle waren, lernte sie, dass es manchmal doch seine Berechtigung hatte, einzugreifen. Sie sieht auf die offene Wunde des Baumes und bemerkt die weiße Flüssigkeit.

Auf der Straße entsteht plötzlich Lärm. Die Familie gegenüber versucht gerade, in das Auto einzusteigen, aber die kleinen Kinder, Seetje erkennt nicht, ob es Buben oder Mädchen sind, schreien. „Die Kleinen wollen wohl nicht weggehen“, murmelt sie vor sich hin.  

Auch Seetje musste oft zu Orten gehen, mit Menschen sprechen und Schreckliches mitansehen. Selbst ihre Eltern und Freunde hatten ihr Leid angetan, doch heute weiß sie, dass sie in ihrem besten Gewissen gehandelt haben. Sie hegt heute kein Leid.

Diese Lektion kann sie ihren Kindern nicht weitergeben, da sie keine hat, doch sie engagiert sich stets in ihrer Gemeinde und spricht dort mit Leuten. Seetje weiß, dass sie eine gute und ehrliche Frau ist.

Die Autotüre fällt zu und die Familie fährt weg. Jetzt ist es wieder ruhig auf der Straße. Seetje sieht das Haus der Familie an, immer noch den Topf in der Hand. Das Haus ist groß und gelb, aber jetzt ist es kalt, weil kein Licht mehr brennt. Sie haben viele Bäume und Blumen auf der Veranda eingepflanzt. „Nur leider sieht die niemand wirklich an“, denkt sich Seetje. Für sie sahen die Pflanzen traurig aus, als hätten sie bemerkt, dass sie nicht für sich selbst existierten, sondern eher dazu, einen leeren Platz zu bedecken. 

Seetje sieht sich in ihrem Zimmer um. Das Morgenlicht erhellt das Zimmer. Palmen, Bambus, Bonsais, Chrysanthemen, Kakteen, Orchideen. Sie alle haben ein Zuhause bei ihr, sie hilft ihnen. 

Sie sieht wieder zu den Bäumen in dem Haus gegenüber. Sie sehen wirklich traurig aus.

Seetje geht zum Mülleimer und öffnet ihn, wirft den Bonsai samt Topf hinein.

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