Und deswegen gehe ich

„Bald werden sie es wissen, bald werden sie es wissen“, rast es durch meinen Kopf. Keine Ahnung, was ich tun soll, alle Möglichkeiten scheinen gleich schlimm zu sein. Völlig egal, wie ich mich entscheide.

Der Himmel hüllt sich in Dunkelheit und es blitzt und donnert. Ich bin durchnässt, selbst mit dem Regenschirm eingeklemmt zwischen den Armen.

Sie alle fragen mich, meine Familie, meine Lehrerinnen und Lehrer, meine besten „Freundinnen“ und meine „Kumpels“. Früher waren es die Fragen, wie lange die Ausbildung denn noch dauern wird, wann ich meine erste Beziehung haben werde und wann ich von Zuhause ausziehen will. Nach und nach haben sich einige der Fragen von selbst beantwortet: Meine Ausbildung pausiert aktuell aufgrund von Autoritätsproblemen. Meine vierte Beziehung pausiert aktuell aufgrund von Betrug. Mein Umzug pausiert aktuell aufgrund von Geldproblemen.

Jetzt, wo diese Fragen in ihren beobachtenden Augen zu Genüge beantwortet sind, werden sie gieriger und wollen noch mehr wissen: „Und was machst du jetzt?“, „Deine Piercings lässt du doch eh zuwachsen, oder?“, „Also arbeiten musst du jetzt schon in diesem Bereich, sonst war ja alles umsonst, nicht wahr?“, „Die Haare lässt du wachsen?“

Tausend Fragen die ihre Antworten suchen, aber niemals diese finden werden. Zumindest helfe ich nicht dabei. Wochenlang nicke ich nur und tue das, was sie gerne hören. Doch wenn der Sommer sich dem Ende neigt, wird die letzte Karte fallen und sie werden es alle wissen. Sie alle erfahren dann, dass ich lüge und eigentlich gar nichts weiß.

Einmal habe ich meinem Vater gesagt, dass ich ein Ziel für meine Zukunft habe: Glücklich zu werden, wenn ich einmal groß bin. Er hat nur gelacht.

Es donnert laut und ich fahre zusammen. Ich bin gefangen durch diese Fragen und gefangen mit meinen Ängsten, hier, unter diesem schwarzen Regenschirm. Meine schnellen Schritte bahnen sich ihren Weg durch die Pfützen, kalte Nässe dringt durch meine Schuhe.

„Scheiße verdammt“, schreie ich und halte meinen Regenschirm noch fester.

Niemand hört mich.

Ich gehe unter der Zugbrücke, neben mir der Fluss, der eins mit dem Wasser der Regentropfen wird. Es ist ein langer, kalter Tunnel, der die letzen Meter auf meinem Weg in ein mir fremdes Zuhause zeichnet.

Plötzlich fährt ein Zug über mir und ich merke, wie das Licht zu flackern beginnt und der Boden unter meinen Füßen wackelt. Die Steine, die auf einmal von der Decke bröckeln, werden eins mit dem Boden. Sie werden immer größer und ich kann gar nicht richtig nachdenken, habe Angst, dass das jetzt wirklich ein Erdbeben ist. Eine Glühbirne dreht durch und ich sehe kaum noch etwas.

Ich presse meinen Körper gegen die kalte Wand und mein Regenschirm fliegt mir aus der Hand. Er bewegt sich auf die andere Seite der Unterführung. Da fällt ein Stück der Decke direkt vor meine Füße und ich weiß ganz genau, dass ich hier weg muss.

Ich laufe zum Regenschirm, schnappe und halte ihn über mir, auch wenn er keinen Schutz für mehr als Wassertropfen bietet.

Währen der ersten Schritte unter freiem Himmel höre ich noch, wie der Regen auf den Schirm prallt, Steine zum Glück keine. Ich merke, dass der Boden auf einmal anders ist. Statt der alten Straße sehe ich nun weiße Pflastersteine. Dann hört das Unwetter endgültig auf.

Ich luge unter dem Schirm hervor und sehe über mir einen wolkenlosen Nachthimmel mit Sternen so schön und hell, wie ich sie noch nie gesehen habe. Ihr Leuchten überrascht mich, dass mir erst im zweiten Moment bewusst wird, wie anders die Umgebung plötzlich um mich herum ist.

Eigentlich sollten hier drei Trauerweiden und das gelbe Wohnhaus stehen“, flüstere ich mir zu und sehe mich stattdessen auf dieser Dorfstraße, auf der ich gelandet bin, um.
Häuser stehen dicht gedrängt, blauen Blumenblüten in den Beeten sind verschlossen.
Ich bin nicht in meinem Wohnviertel, ich bin nicht in meiner Stadt.
Ich gehe ein paar Schritte und höre Stimmen. Die Worte kenne ich nicht. Auf den Häuserwänden sehe ich seltsame Zeichen gezeichnet, die ich auch nicht kenne.

Ich kenne hier gar nichts.

„Ich bin nicht mehr bei mir Zuhause“, fährt es mir plötzlich durch den Kopf.

Ich drehe mich um und sehe den Tunnel und dahinter den Weg, auf dem ich vorher hastig gestapft bin. Drüben regnet es noch.

„Zurück kann ich“, denke ich.

Entschlossen spanne ich den Regenschirm zu und gehe weiter die monderfüllte Dorfstraße entlang um herauszufinden, was hier passiert ist. Ich sehe immer mehr Töpfe mit grünen Büschen und blauen Blumen, ich sehe, wie weiße Katzen um die Mülleimer wandern und nach Essen suchen. Ich sehe Schaufenster mit Büchern und Gewändern, die ich nicht kenne. Ich finde ein Fenster, das flackernd hell erleuchtet ist. Still blicke hinein, vorsichtig, um kein Aufsehen zu erregen. Ich sehe Silhouetten von Menschen vor Fernsehern, die sich eine Sendung ansehen, die ich auch nicht erkenne.

„Wo bin ich?“, flüstere ich mir zu. Wo ist sie, die alte, graue Straße, die längst renoviert gehört und wo sind die Trauerweiden mit der hölzernen Bank? Wo ist der Fluss, neben dem ich doch vorher noch gegangen bin? Ich beschließe, heimlich und schnell wieder zurückzugehen. Niemand hat mich gesehen und wenn ich zurück bin, werde ich alles vergessen.

Da tippt mir jemand auf die Schultern und ich schreie auf.

Eine Frau steht vor mir – sie hält mir den Mund zu, damit ich leise bin. Ich nehme meinen Regenschirm und stoße ihr damit in den Bauch, laufe schnell weg.

Doch sie erwischt meinen Arm und reißt mich zurück, steht dann viel zu nah vor mir. Mit einer Stimme so lau wie ein Sommerwind flüstert sie mir zu, dass die Sterne auf meiner Seite sind. Weil ich versuche, sie zu schlagen, fällt mir gar nicht auf, dass sie meine Sprache spricht. Sie wehrt meine Hand ab und hält sie fest.

„Beruhige dich. Sieh hinauf zum Himmel“, sagt sie und stößt mit den Fingern neckisch meinen Kopf nach oben. Das Leuchten der Sterne ist immer noch eindrucksvoll, aber sie lenken mich nicht genug ab um zu vergessen, dass diese Frau mich gefangen hält.

„Sie haben dich hierhergeführt und du weißt es“, sie er und ich schaue sie an. Ich sehe ihr Gesicht, die bleiche Haut und die dunklen Augen mit bläulichen Ringen. Die Haare hängen tief in pechschwarze Wimpern.

„Ich- ich muss zurück, lass‘ mich gehen“, stammle ich von mir und bin überrascht, als sie ihren Griff lockert.
Ich bin fast beim Tunnel angelangt, als sie schreit: „Geh! Wartend verbringst du deine Tage, nicht fähig, jemals Antworten zu finden. Du willst lieber sterben und das wirst du dort drüben auch!“

Ich sehe auf der anderen Seite der Brückenunterführung die Straße, die ich so gut kenne.

Ich sehe, wie es auf der anderen Seite noch regnet, die Tropfen prallen auf den Boden.

Ich sehe die Fragen, die sie alle haben. Ich sehe auch, wie dort eine Zukunft auf mich wartet, die einfach zu schwer ist, um sie jemals leben zu können.

Ich drehe mich um. Die Dorfstraße ist ruhig, erhellt und beschaulich. Hier regnet es nicht, hier stürmt es nicht, hier blitzt und donnert es nicht. Hier brauche ich meinen Regenschirm nicht, also lasse ihn fallen.

Sie sagt: „Du kennst diese Welt und das weißt du. Die Sterne, die dich heute herführten, haben dir deinen Wunsch erfüllt. Du gehörst hierher, so sehr, wie du eben nicht auf die andere Seite hingehörst.“

Ich sehe nach links und nach rechts, auf die beiden Seiten des Zugtunnels. Ich sehe das Ungewitter und ich sehe die ruhige Dorfstraße. Zum Schluss sehe ich auf zum Himmel.

Nur die Sterne kenne ich und sie kennen mich. Sie wollen, dass ich glücklich bin.

Tränen strömen über meine Wangen. „Es tut mir leid. Hier gibt es trotzdem einfach mehr für mich“, flüstere ich.

Und deswegen gehe ich.

 

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Geschichten Nachdenkliches

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