Die Avocadosocken

Eines frühen Morgens sah ich es.

Das Mädchen mit den Avocadosocken.

Es trug sonst nur Schwarzes am Leib, aber frech blitzen die Socken in Grün und Gelb zwischen Hose und Stiefel hervor. Winter war es und der frohe Anblick solch süßer Socken riss mich aus den roboterhaften Gedanken heraus. Wo hatte das Mädchen sie wohl her?

Die restliche Zeit meiner Straßenbahnfahrt starrte ich also diese Socken an. Leute steigen aus, andere Leute steigen ein. Was das Mädchen wohl heute noch so machen würde…

Wir beide stiegen bei derselben Station aus und meine Augen folgten weiter ihren Socken. Die Stiefel wichen erfolgreich einem Stück Hundescheiße aus, mich hingegen traf es unerwartet und ich musste mich Müh‘ und Not davonkommen.

Ich fragte mich, ob das Mädchen den ganzen Tag, so wie ich, an der Universität verbringen würde. Ob es sich gesund ernährt und, ob es vielleicht sogar sogar eine Avocado essen würde.

Auf den Trampelpfad zu den Stiegen hinauf musste ich lächeln. Heute war ich so wütend aufgestanden, ohne Grund. In letzter Zeit war ich so oft so schlecht drauf. Und das gefiel mir nicht.

Wann hatte ich begonnen, so negativ zu denken? Mich einfach so schlecht zu fühlen?

Ich schob es auf das schlechte und kalte Wetter, auf die deprimierenden und teuflischen Nachrichten, auf die dummen und nervigen Idioten, die sich in meinem Alltag herumtreiben – aber all das waren nur faule Ausreden.

Ich hatte mein Glück von äußeren Dingen abhängig gemacht. Ich hatte mich dazu entschlossen, nichts zu tun.

Das Mädchen mit den Avocadosocken war garantiert nicht so schlecht drauf wie ich, da war ich mir sicher.

Plötzlich bog das Mädchen rechts ab in einen anderen Gang, in den ich nicht musste. Die Socken verschwanden aus meinem Blickfeld. Traurig war ich aber nicht.

Die Avocadosocken waren zwar weg und ich wusste nicht einmal genau mehr, wie das Gesicht des Mädchens aussah, aber der Gedanke, der dadurch entstand, der war noch da.

Ich will damit aufhören, mein Glück vom Wetter, von den Nachrichten und von anderen Menschen abhängig zu machen.

Und ich will mir Avocadosocken kaufen.

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