Erinnerungen an eine alte Freundschaft

Es war wieder einmal Zeit, eine Seminararbeit zu schreiben. Wie viele ich schon in diese veralteten Laptop-Tasten getippt habe, weiß ich gar nicht mehr. In den Augen meiner Professorinnen und Professoren anscheinend noch zu wenig.

Ich starre also mein Word-Dokument an und weiß nicht, was ich schreiben soll. Ich weiß nichts, bis auf die lächerliche Überschrift, die mich schon seit einigen Minuten anstarrt.

„Diskursanalyse bei Kafkas Prozess“

Wow. Wenn ich mich weiter an das Schneckentempo halte, wird die Arbeit auch noch in einem Jahr ungeschrieben sein.

Bei der Abgabe wir die Schriftart Times New Roman bevorzugt, aber wenn ich ehrlich bin, kotzt mich dieser Anblick schon wirklich an. Deshalb formatiere ich die Arbeit erst am Schluss so. Jetzt probiere ich der „Diskursanalyse bei Kafkas Prozess“ neuen Glanz zu verleihen, indem ich viele verschiedenen Schriftarten ausprobiere.

Calibri.  „Diskursanalyse bei Kafkas Prozess“

Lucida Handwriting. „Diskursanalyse bei Kafkas Prozess“

Sitka Text. „Diskursanalyse bei Kafkas Prozess“

Keine davon gefällt mir so recht. Nichts sieht so aus wie die „Diskursanalyse bei Kafka“. Dass das nicht relevant ist und ich mich eigentlich eher auf den Inhalt konzentrieren sollte, verdränge ich.

Plötzlich bleibe ich bei Century Gothic stehen. „Diskursanalyse bei Kafkas Prozess“ sieht jetzt ganz anders aus. Es erinnert mich an etwas oder besser gesagt, an jemanden.

Die Schriftart versetzt mich viele Jahre zurück.

Zurück zu meiner alten Freundin, damals in der Schule. Sie hat diese Schriftart immer verwendet. Sie meinte, sie wäre übersichtlich und einfach zu lesen. Überall konnte ich sie sehen: bei Briefen, bei Deutschhausübungen. Immer und immer wieder versteckte sie ihre Worte in Century Gothic.

Meine Augen tun weh. Auf den Bildschirm zu starren ist wirklich beschissen.

„Diskursanalyse bei Kafkas Prozess“

Ich sehe beim Fenster hinaus und kann nichts sehen, bis auf graue, deprimierende Wolken. Typisch Januar halt.

Bin ich traurig, dass ich sie nicht mehr in meinem Leben habe? Es gab einige Konflikte, die dazu geführt haben, dass wir nicht mehr am Leben des anderen teilhaben. Diesen endgültigen Schlussstrich habe ich beschlossen, weil ich nicht wusste, wie ich anders mit den Schmerzen umgehen sollte.

Ich sehe zurück auf den Bildschirm. Immer noch ist die Diskursanalyse in Century Gothic getaucht. Früher hatte es mir gefallen, manchmal veränderte ich absichtlich die Schriftart, damit ich mich ihr näher fühlte. Jetzt bleibt nur ein stechender Schmerz.

Ob sie Century Gothic heute noch verwendet? Bei was auch immer was?

Ich weiß nicht mal, was sie heute so macht. Hoffentlich ist sie glücklich.

Ich schüttel meinen Kopf. Ein letztes Mal verändere ich die Schriftart zu Verdana und wende mich der „Diskursanalyse bei Kafkas Prozess“ zu. Jetzt aber wirklich.

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