Die betrunkene Taxifahrt

Die Nacht ist noch jung, je nachdem wie man es betrachtet. Als Autofahrer finde ich es spät, meine Kumpels grölen vor sich hin, dass sie heute noch viele Frauen klarmachen werden. Ihnen gleich auf den Arsch zu greifen ist natürlich kontraproduktiv und ich muss lachen. Ob sowas je funktioniert?

Die Musik ist schlecht, einfach nur die Charts rauf und runter. DJ zu sein wird anscheinend auch immer einfacher, wo sind die 2000er Hits hin?

Ich fahre gerne mit dem Auto, so können sich meine Freunde eine Taxifahrt ersparen und ich hab‘ was gut bei ihnen. Ich sehe mich im Club um und suche nach jemanden, der auch so nüchtern ist wie ich.

Dann sehe ich sie. 

Sie hat sich ein wenig verändert, die Haare oder so, aber das Gesicht ist dasselbe. „Eh klar, du Vollidiot“, fahre ich mich selbst an. Sie tanzt wild zu diesem Elektronikscheiß, der durch die Boxen kratzt – auch ihr scheußlicher Musikgeschmack  dürfte derselbe sein.

Ich drehe mich weg, ich habe keine Lust auf eine seltsame Begrüßung, daher wende ich mich meinen Freunden wieder zu. Einer von ihnen will zum Rauchen raus und wir machen uns auf den Weg. Einen letzten Seitenblick kann ich mir aber nicht verkneifen und ich suche wieder nach ihr. Da liegt sie am Boden und wirkt nicht mehr zurechnungsfähig.

„Scheiße“, sage ich zu mir. Ich bin wütend, weil ich weiß, dass ich sie links liegen lassen könnte, wenn ich wollte. Schon früher standen wir uns nicht nahe, sie war einfach nur die beste Freundin meiner Ex. Leider wollte ich sie nicht links liegen lassen.

Ich gehe zu ihr und helfe ihr auf die Beine. Sie riecht so sehr nach Wodka und Schweiß, dass mir selbst schlecht wird. Die Stelzen auf ihren Füßen helfen nicht, ihr Gleichgewicht zu halten und fliegt fast nochmal hin. Offensichtlich hatte sie das auch noch nicht gelernt.

Zu zweit stolpern wir aus dem Lokal und meine Kumpels sehen mich an. „Verdammt, was will die Schla-„, beginnt Ali, aber ich komme ihm zuvor: „Ich bring‘ Lena kurz heim, ja? Seid brav, ich bin gleich wieder da.“

Dann gehe ich mit der Betrunkenen im Arm davon, auf eine Diskussion mit den Jungs lasse ich mich jetzt nicht ein. Sie hingegen kann jetzt halbwegs gehen und ich muss nicht ihr ganzes Gewicht zerren.

Ich setze sie auf den Beifahrer meines Toyotas und wünsche mir, dass der Wagen die Fahrt überlebt – hoffentlich muss sie nicht kotzen.

Ich sitze am Steuer und bin immer noch wütend auf mich. Taxifahrer für Freunde zu spielen ist eines, aber für alte Bekannte, wenn wir das überhaupt waren, ist etwas anderes. Ich kenne den Weg zu ihr, aber dass ich dort jemals wieder hinfahren würde, hätte ich nicht gedacht.

„Weißt du, ich verstehe echt nicht, wieso sie das mit dir beendet hat“, flüstert sie plötzlich. Ich bin erstaunt, wie klar ihre Stimme sich anhört. Fast hatte ich vergessen, wie sie sich überhaupt angehört hat.

„Du siehst gut aus, das freut mich. Hast du was von ihr gehört?“, fragte sie.

Die Geschichte war gegessen. So wie ich es erwartet habe, ist meine Ex zurückgekrochen und hat sich entschuldigt. Blödes Timing war es, zu dem Zeitpunkt war sie mir schon egal.

„Danke, dass du mich heimbringst. Bist echt einer von den Guten“, sagt die Betrunkene und schaut mich an.

In ihren Augen sehe ich eine Hoffnung. Das diese dort war, wusste ich auch immer schon.  Die Trennung war eine ziemlich beschissene Situation, mal vom offensichtlichen abgesehen.

Die Freundin meiner Ex war schon immer in mich verliebt.

Plötzlich höre ich ein Hupen und schrecke mich. „Schau auf die Straße, du Idiot“, fahre im mich selbst an. Gleich sind wir bei ihr und ich kann sie aussteigen lassen. Den Weg in ihr Zimmer findet sich alleine, Taxifahrer zu sein reicht völlig.

„Danke dir, Lukas“, sagt sie, als wir endlich vor ihrem gottverdammten Zuhause stehen. Hoffentlich muss sie jetzt wirklich nicht mehr kotzen. Ich aber werde es tun, wenn sie sich noch einmal bedankt.

„Lena, hör endlich auf, wie ein Loch zu saufen. Das war damals schon scheiße.“

„Ich weiß.“

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