Die beiden Helden

Alles beginnt an einem Bahnhof.

Die Aufenthaltshalle ist vollgestopft mit Leuten, die über die Feiertage verreisen oder wieder nachhause zurückkehren. Ruhig ist es nicht. In den Fenstern und Türen sieht man, wie der Schnee leise hinabfällt und die graue Stadt nun ein wenig weißer wird.

Sie hat einen Rucksack auf dem Rücken, trägt zu viele Taschen in der Hand und versucht auch noch einen Rollkoffer hinter sich zu ziehen. Der warme Anorak färbt ihre Wangen rot und sie verflucht ihre Einpackkünste. Sie würde nie lernen, nur das Wichtigste mitzunehmen und die Geschenke für ihre eigene Familie kann sie wohl schlecht liegen lassen. Langsam stapft sie zu der Rolltreppe, um hinauf zum Bahnsteig Sieben zu fahren.

Er sitzt in einem Zug, der bereits seit vielen Minuten abgefahren sein sollte, aber eine Weichenstörung verzögert die Weiterfahrt. Er hatte einen Platz reserviert, doch nun steigt eine Mutter mit Kind ein. Sehr gestresst wirkt sie, daher gibt er seinen Sitz auf und geht zu der Zugtür. Nun würde er zusätzlich zu sechs Stunden Arbeitszeit in einem Kaufhaus auch noch eine halbe Stunde im Zug stehen…

Er sieht aus dem Fenster und entdeckt eine große Sieben, der Bahnsteig, der eigentlich schon seit vielen Minuten verlassen hätte werden sollen. Draußen kann er aber beobachten, wie noch viele zu dem Zug rennen und ihn knapp erwischen. Langsam entsteht ein Gedränge. Er freut sich trotzdem irgendwie, auch wenn er selbst zu spät kommt. Eigentlich wollen doch nur alle nachhause. Endlich Ferien.

Sie kommt auf dem Bahnsteig an und sieht, dass ein anderer Zug noch nicht abgefahren ist und daher der Zug, den sie nehmen muss, verspätet ist. Wütend wirft sie Rucksack und Taschen zu Boden. Die anderen Leute am Bahnsteig sehen sie verwundert an, aber sie ignoriert es. Stattdessen sieht sie verärgert den Zug an, der an alledem schuld ist. Der ganze Plan war umsonst, sie hätte sich nicht so beeilen müssen. Der kalte Wind macht die Situation nicht besser.

Die Zugtüre vor ihr geht auf und sie sieht, wie viele Menschen dichtgedrängt stehen und nur darauf warten, dass es endlich weitergeht.

Die Türe öffnet sich plötzlich wieder und ein kalter Windstoß weht ihm direkt ins Gesicht.

Da sehen die beiden Helden sich nun zum ersten Mal in die Augen, er aus dem Zug blickend und sie hinein… Braune Augen treffen auf Eisblaue.

Und dann klingelt ihr Handy, sie hebt ab.

Die Türen schließen sich endlich, er drängt sich weiter in die Menschenmenge hinein.

Der Zug fährt endlich ab.

Warte – dachtest du etwa, dass sich unsere beiden Helden heute schon über den Weg rennen? Dachtest du, dass ihre gemeinsame Geschichte beginnt? Nein, nein, momentan haben sie und er noch andere Sorgen im Kopf. Andere Träume, andere Liebesgeschichten. Sie werden noch viel erleben, Rückschläge wie Erfolge. Er wird die Hoffnung aufgeben, eine Komplizin zu finden und sie wird schon bald in eine andere Stadt ziehen. Gedulde dich, es dauert nicht mehr lange, bis sie sich begegnen, diesmal wirklich begegnen.

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