Ich bin verdammt spät dran. Mir ist kalt und noch dazu bin ich hungrig. Alles in allem nicht wirklich zu sozialen Interaktionen bereit. Ich komme in den Raum, wo die Geburtstagsfeier meiner Freundin stattfindet und inmitten zahlreicher Köpfe sehe ich ihn dann: meinen zukünftigen Ehemann.

Mein erster Gedanke: Gib mir mein Augenlicht zurück, du Bastard!

Mein zweiter Gedanke: Wo bist du hergekommen? Und bleibst du jetzt für immer?

Ich bin nicht blöd, das kann nur Liebe auf den ersten Blick sein. In meinem Herzen dreht es sich, als würde ich Stiegen steigen und glauben, dass da noch eine kommt – aber nein. Das ist nur das verrückte Gefühl, das sich bis zu meinem Bauch ausbreitet. Wobei, das kann auch mein Hunger sein.

Und anstatt dem Geburtstagskind, meiner Freundin, zuerst die Hand zu geben, gehe ich zu ihm.

„Hey, du schaust echt cool aus. Ich bin auch cool… Uns bleibt eigentlich nichts anderes übrig, als zu heiraten. Deal?“

And the rest is history.

 

Als ich diese Worte im Mori Tower hörte, musste ich lachen. So eine Anmache würde in Österreich niemals ziehen, in Japan aber täglich erfolgreich angewandt.

Neben diesen kleinen, witzigen Unterschieden fehlt mir jetzt schon vieles…

1) Die Schönheit der Parks in Tokyo. Ich war skeptisch, da man Eintritt zu zahlen hat, aber was mich dann für ein Anblick erwartet hat, war einfach unglaublich. Vom Shinjuku Gyoen National Park, zu Koishikawa Korakuen und den Hamarikyu-Gardens, überall spürt man die Liebe zur Natur. Ich hatte das Glück, das Naturspektakel der Kirschblüten mitzuerleben – tausende Bäume erblühen, die Sonne scheint und der Frühling naht. So etwas kann man nicht mit Worten ausdrücken, das muss man einfach selbst erleben.

2) Ich vermisse es, dass es meine Lieblingsmusik im Radio spielt. Jahrelang war Radio für mich dieses nervige Plörren im Auto, das ich alsbald gegen MP3-Player, iPod oder Smartphone austauschte. Aber nein, 10.000 Kilometer entfernt spielt es sie tatsächlich: Superfly, BTS, Babymetal, RADWIMPS und CNBLUE.

3) Japan definiert den Begriff von Sauberkeit für mich auf einer neuen Ebene. Ob in Parks, öffentlichen Gebäuden oder auf den Straßen – stets ist man darauf bedacht, dass nichts auf dem Boden landet. Zur Not nimmt man sogar den Müll mit nachhause, wenn von einem Mistkübel weit und breit nichts zu sehen ist. In Tokyo ist Rauchen auf den Straßen streng verboten, daher gibt es zwei Möglichkeiten, wenn man auf eine Menschentraube trifft: Entweder ist ein Sakura-Baum in der Nähe oder einer der wenigen Raucherplätze.

4) Random, aber wahr: Ich vermisse die beheizten Toilettensessel, auch wenn die komplizierten Fernbedienungen eine Qual waren.

5) Die Höflichkeit ist erstgradig mit Japan verwandt, so viel steht fest. Egal ob es sich um eine Bauarbeiterin, einen Fußgänger, einen Supermarktmitarbeiter oder einen Polizisten handelt – man begegnet sich gegenseitig mit Respekt. Bei der Zwischenlandung in Frankfurt erlebte ich beim Rückflug meinen zweiten Kulturschock… Eindeutig ein Elefant in meiner Komfortzone, dem Porzellanladen, denn nix da mit Verbeugungen, geschweige denn Entschuldigungen.

Ich wusste, dass ich in Japan viel finden werde: Inspiration, Pokémon-Merchandise und das beste Sushi auf der ganzen weiten Welt. Dass ich dort aber über ein Stück meines Herzens stolpern werde, hat mich überrascht. Gesucht habe ich es nie, trotzdem war es schön, es wiederzuhaben. Als ich allerdings das Flugzeug nach Westen betreten habe, ist dieses Herzensstück hinab auf den japanischen Boden gehüpft. „Besuch mich bald wieder“, hat es mir zugeflüstert.

Überrascht es auch nur irgendeinen, dass ich bald zurückkehre? Ich denke nicht.

Japan, I’m coming for you. Again.

Ich habe viel für meine Zukunft gesehen, das aber nicht. Ich war gerade am Strand von Kamakura, einer Stadt im Süden Japans, als es geschah.

Nach ein, zwei Stunden in der Sonne habe ich Hunger, will aber nichts „Ordentliches“ essen, wenn du verstehst, was ich meine. Also bin ich schnell zur Supermarktkette Lawson, die Filiale ist ganz in der Nähe. In Japan ist es üblich, im Supermarkt zu essen (es gibt Tische mit Sesseln, Mikrowellen und alles, was das Herz begehrt), ich will aber diese wunderbare Aussicht auskosten. Daher bin ich mit Matcha-Eis, Korianderchips und einer Schinken-Käse-Tasche im Gepäck zu einer Bank am Pier.

Sand zu meinen  Füßen, die Sonnenstrahlen kitzeln mein Gesicht – was will man im Leben mehr?

Vielleicht nicht von den Adlern attackiert werden, die um den Strand kreisen. In Kamakura gibt es keine Seemöwen, sondern Adler und Raben. Ich war und bin auch immer noch von dieser Tatsache verwirrt, aber als ich gerade von meiner Schinken-Käse-Tasche abbeißen will, setzt sich ein Adler auf meinen Unterarm und verwehrt mir den ersten Bissen. Und ich meine keinen kleinen Piepmatz, der Vogel spielt mindestens in der Österreich-Flaggen-Liga.

Dank meiner Ninjareflexe kann ich die Schinken-Käse-Tasche auf den Boden werfen und will eigentlich nur mehr weg, als sich der Schwarm der  Todesvögel auf meinen ehemaligen Snack stürzt. Plötzlich beginnt aber mein Tierherz zu stechen, die Schinken-Käse-Tasche ist nämlich noch zur Hälfte in Plastik eingewickelt – das kann ich nicht zulassen.

Also versuche ich mit dem linken Fuß das Plastik runterzubekommen (ich weiß auch nicht, was ich mir dabei gedacht habe, ich war in Panik, okay?!), als die Adler und Raben nun meine weißen Converse probieren wollen.

Schnell, aber ganz schnell weg war ich im Supermarkt und habe dort mein Eis und die Chips gegessen.

Ende der Adlerattacke.

Du siehst mich mit deinen neugierigen Augen an, als ich dir das sage. Alles Wissen dieser Welt würde dir immer noch nicht genügen, du willst mehr. Doch in deinem Blick schimmert auch etwas Unergründliches. Werde ich dich jemals ganz verstehen? Du verstehst meine Worte erst jetzt und deine Wangen werden rot.

Du bist so selbstsicher und stark. Danke für den Halt, den du mir gibst. Was wäre ich nur ohne ihn? Ich weiß, dass ich dir das Ruder überlassen kann, unser Schiff würde nicht untergehen. Du bist dir aber darüber im Klaren, dass ich auch ein Kapitän bin.

Jetzt lachst du mich an, vermittelst mir ein sorgenfreies Gefühl. Wie schlimm kann die Welt denn schon sein, wenn es dich gibt? Graue Tage erhellst du für mich mit all deinen Geschichten und gerne würde ich zurückreisen an den Tag, als ich dich kennenlernte. Und mir zuflüstern, dass es der Beginn einer atemberaubende Reise wird.

Ich liebe dich.