An der Grenze

„Haben Sie sich eh nicht verletzt?“, dröhnt eine Stimme. Die Frau liegt am Boden, unfähig ihren Körper zu bewegen. Nach und nach öffnet sie die Augen und sieht einen älteren Mann. Er berichtet ihr, sie sei vor ein paar Minuten bei dieser Ampel zu Boden gesackt. Sie soll ein Krankenhaus besuchen. Die Frau nickt, sieht auf ihre Uhr, kurz vor 20 Uhr.

Das Gemurmel in der Straßenbahn wird einfach nicht leiser, sie kann nicht mehr. „Also, wenn du wirklich willst, können wir heut bei dir essen, aber wenn du mich fragst, meine Küche ist angenehmer“, sagt eine schrille Stimme direkt neben ihrem Ohr. Sie dreht entnervt ihre Augen weg, ständig dieser Lärm am Morgen. Ein paar Schulkinder stehen kichernd neben ihr. Wie man zu dieser Uhrzeit überhaupt lachen kann. Die Frühschicht war vorbei und nun war sie wieder am Weg in die Universität. Den Luxus eines Samstagsjobs konnte sie sich momentan nicht leisten, sie brauchte das Geld dringend. So arbeitet sie vor der Uni und manchmal auch noch danach, je nachdem wo sie Angebote finden konnte. Sie sieht auf ihre Uhr, kurz vor 9. Der Himmel ist noch überwiegend dunkel, immerhin Dezember, also was erwartet sie sich.

Wie immer kaum geheizt in den Hörsälen. Ihr ist kalt und sie entscheidet sich dafür, die Jacke nicht auszuziehen. Demotiviert starrt sie die Powerpointpräsentation an, die auf einer weißen Tafel vor ihr projiziert ist. Diese Vorlesung ist wöchentlich mit Abstand die Langweiligste – keine guten Voraussetzungen für einen produktiven Mittwoch. Kraftlos sieht sie in die vorderen Reihen, ebenfalls nur müde Gesichter. Sie ist anscheinend nicht die Einzige, die die Sprechweise des Professors nicht ausstehen kann, es andererseits auch nicht schafft, den gesamten Stoff vor der Prüfung einfach auswendig zu lernen. „Na, freust du dich schon auf die heutige Einheit? Ich habe gehört, dass wir ein paar Studien durchgehen!“, sagt eine leise Stimme neben ihr. Es war diese eine Erstsemestlerin, die ständig aufzeigt und Fragen stellt. Die Frau entscheidet sich, nichts zu sagen und etwas weiter wegzurutschen. Sie sieht auf die Uhr, kurz vor 12. Ihr Magen knurrt.

In der Mensa sitzt sie nur, wenn nicht viel los ist und sie ungestört ihre mitgebrachte Jause essen kann. Sonst scheuchen die Mitarbeiter sie immer heraus. Gerne würde sie eines dieser Gerichte ausprobieren, aber sie war eben knapp bei Kasse. Heute kann sie Platz nehmen auf den Plastiksesseln, aber das Brot schmeckt spröde. Es ist nur wenig Aufstrich darauf verteilt, weil sie sparen muss. Nach dem Essen geht sie auf die Toilette um ihre Wasserflasche aufzufüllen. Sie vermeidet es, sich im Spiegel anzusehen. Müde und enttäuscht ist der Blick, der ihr entgegenstarrt. Stattdessen schaut sie auf ihre Uhr, kurz vor 16 Uhr.

Im Supermarkt ist es auch nur ein ständiges Warten, der Mann vor ihr muss noch seine Geldbörse aus der Tasche suchen und verschwendet ihre Zeit. Sie will eigentlich schon längst gegessen haben, damit sie nicht noch mehr zunimmt. Zuhause erwartet sie noch ein Essay, tagelang schiebt sie den schon vor sich hin. Die Frau nimmt ihr Handy heraus und sieht, dass es kurz nach 18 Uhr ist. Dann klingelt es auch noch und sie starrt apathisch auf das Display: ihre Mutter. Ein Seufzen entfährt ihr und sie drückt den Anrufer weg, um selbst bezahlen zu können. Sie will nicht wie alle anderen Zeit verschwenden.

Erschöpft setzt sie sich auf eine Bank gleich neben dem Eingang des Supermarktes hin und bereitet sich auf das kommende Gespräch vor. „Susi, ich weiß nicht, wie du dir das vorstellst! Ich hab dir tausend Mal gesagt, wenn du wirklich noch von uns finanziell unterstützt werden willst, musst du uns sagen, wenn du etwas auf unseren Namen bestellst! Was ist das für ein Klamottenberg, den der Postmann heute gebracht hat?“, stürzt es auf sie herein. Müde formuliert sie eine Entschuldigung und die Mutter wirkt beruhigt.

„Schatz, versteh doch, wir können es uns einfach nicht leisten, was du da bestellst. Du gehst arbeiten, damit du alleine wohnen und dir die Bücher fürs Studium leisten kannst, aber wir zahlen dir sicher nicht diese ganzen Kleider, ich meine was stellst du dir vor?!“. Nein, sie war eindeutig nicht beruhigt. Die Frau legt einfach auf und verdreht die Augen. Sie kramt aus der Jackentasche eine Packung Zigaretten heraus, die schon etwas älter ist. Langsam nimmt sie einen Zug und spürt, wie ihre Lungen sich füllen. Sie entspannt sich.

Da hört die Frau ein Stolpern neben sich, ein Mann setzt sich zu ihr auf die Bank. Er rutscht näher und sie sieht, dass er eine Dose Bier in der Hand hält. „Kleines, ich kann mich doch-“, sagte er und rülpst. Die Frau ist ängstlich und will aufstehen, doch der Mann packt sie am Arm. Sie sieht in sein Gesicht und wütend ist der Blick, den sie erhält. „Sag mal, man darf doch wohl noch mit so einem hübschen Mädchen sprechen!“, fordert er mit brüchiger Stimme. Die Frau versucht den Griff des Mannes zu lockern und aufzustehen, da schmeißt er sein Bier zu Boden und packt sie mit seiner rechte Hand im Ansatz ihrer Haare. „Nein, da sind wir gleich wieder etwas Besseres. Ich hasse Weiber wie dich!“, schreit er boshaft.

Die Frau beginnt zu weinen, schlägt um sich und trifft den Mann am Ohr. Er zuckt zusammen und sie kann davonlaufen, ihren Einkauf und die Unisachen lässt sie einfach stehen. Ihr Herz schlägt schnell und weil es schon dunkel ist, traut sie sich nicht, wieder langsamer zu werden. Sie versucht auf ihre Uhr zu sehen, aber es geht nicht mehr und der Frau wird schwarz vor Augen. Das ist die Grenze.

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