Eigentlich wollte ich heute überhaupt nicht in die Bar, aber die anderen haben mich überredet. Und was hab ich jetzt davon? Eine verdammte Abfuhr, danke für Nichts.

Ich hab sie erst nach einiger Zeit in der Menge entdeckt, sie ist auf einem Barhocker gesessen und ihre beiden Freundinnen sind um sie herum gestanden. Anscheinend war Mädelsabend angesagt, diese „Girl-Power“ Stimmung hab ich bis zu mir gespürt. Einerseits hab ich ja gewusst, dass ich dann eindeutig ein Eindringling bin, wenn ich sie anspreche, andererseits hat sie halt auch verdammt süß ausgesehen.

Anfangs hatte ich zu viel Schiss und sie sind aus der Bar raus. Da hatte ich deswegen dann ein blödes Gefühl, aber es hat halt nicht sein sollen. Dachte ich, denn nach einer halben Stunde hab ich sie in einem anderen Lokal wieder gesehen und da konnt‘ ich es nicht mehr leugnen: Wir zwei, das war vom Schicksal ausgemacht!

Oder so.

Sie ist wieder auf einem Hocker gesessen und ich hab die Chance genutzt, als die anderen Zwei kurz miteinander gesprochen haben. Hab die Kleine einfach vom Hocker gezogen und zack, lag sie in meinem Armen. Hat mir die ewige Treue geschworen … Also okay, das war mein Kopfkino, denn die Realität war, sagen wir mal, leicht abweichend.

Wir sind zur Bar, ich hab sie gefragt, was sie trinken möchte und Wow, die konnte echt süß lächeln. Sie schien eines dieser total fröhlichen Mädchen zu sein, fast schon zu gut um wahr zu sein. Aber die Realität hat mich dann eh eingeholt, ihr Glas war nicht mal zur Hälfte leer und sie ist wieder zu ihren Mädels zurück. Hab ich was Falsches gesagt? Hab ich Mundgeruch? Keine dieser Fragen wird jemals beantwortet werden und so sehr, wie ich mich vorher gefreut hab, sie in einem anderen Lokal wiederzusehen, so sehr hab ich mich später geärgert, als wir uns nochmal über den Weg gelaufen sind. Wie hoch sind die Chancen für sowas? Leider bin ich recht schlecht in Mathe, aber ich schätz‘ diese Zahl mal auf Null Komma Irgendwas.

Nervig war’s schon, aber ich hab’s locker runtergespielt, wie ein Gentleman eben. Eine Freundin von mir hat mich angeredet und gemeint, dass ich aussehe wie ein begossener Pudel und was mach ich im Rausche des Alkohols? Genau, erzähl‘ ihr natürlich von meiner Blamage. Großer Fehler, denn dann ist sie zu ihr hin und hat nochmal wegen mir nachgefragt.

20.000 Meilen unter dem Meer wär ich da gern gewesen, als sie mich angesehen hat. „Mitleid“, das stand ihr auf der Stirn geschrieben. Zum Glück war’s kein Ekel. Und wie ihre Freundinnen ganz verstohlen zu mir geblickt haben, sehr unauffällig – nicht. Scheiße. Das war das letzte Mal, dass ich ein Mädchen angesprochen habe.

Tut mir leid Mama, aber mit den Enkeln wird’s anscheinend nichts werden.

 

 

Liebes Disney, ich bin dir dankbar, dass du mir so viel für meine Zukunft als Frau beigebracht hast.  Zunächst einmal: Ich brauche keine Freundinnen, denn jetzt mal ernsthaft, kaum eine von diesen Prinzessinnen hat eine beste Freundin in ihrem Leben. (Unrealistisch, wenn man mich fragt, wie funktioniert das denn, wenn man aufs Klo geht? Geht man dann etwa – alleine?).

Ich habe auch sowas von realisiert, dass das Ende bevorsteht. Ein kleiner Vergleich: Wenn mein Leben ein Tag ist, dann bin ich bereits im Sonnenuntergang angelangt, die biologische Uhr tickt unaufhaltsam. Als ich mit 16 meinen ersten Kuss hatte, war Arielle bereits schon verheiratet! Aber wenn ich einfach alles so mache wie die Prinzessinnen, werde ich auch bald meinen Traummann finden (beziehungsweise er mich) und dann kann ich endlich heiraten.

Meine wunderschöne, talentierte Stimme aufzugeben, um einem schönen Fremden hinterherzujagen hört sich wirklich toll an. Wie Ursula so treffend formulierte: Ich hab ja mein Aussehen, das reicht ja, um eine glückliche Beziehung zu führen.

Und seien wir mal ganz ehrlich, mein Zukünftiger ist sicher ein richtiger Prince Charming. Wenn er sich nach einer langen Ballnacht, in der nur wir zusammengetanzt haben, nicht mehr an mein Gesicht erinnert, ist das völlig in Ordnung. Lässt dann halt einfach das gesamte weibliche Kontingent des Königreichs antanzen und meinen Schuh anprobieren und im Endeffekt hab ich einfach nur Glück, dass keine andere Frau meine Schuhgröße hat.

Wenn ich von jemandem aus dem Schlaf geküsst werde, werde ich ihn einfach gleich heiraten und nicht anzeigen. Wurde ja bereits zwei Mal gemacht, danke an dieser Stelle an  Dornröschen und Schneewittchen.

Wenn mich jemand in seinem gruseligen, verzauberten Schloss festhält, rede ich mir einfach ein, dass sich dieser Typ tatsächlich ändern lässt und das von mir. Denn seine große Liebe ändern zu wollen, hört sich ja nach einem verdammt guten Plan an.

Danke Disney, ohne deine Hilfe würde ich noch bis auf alle Zeit verrotten!

Heute wäre Falco 60 Jahre alt geworden. Ich habe ihm so viel zu verdanken, er war mein musikalischer, revolutionärer Superheld und trägt diesen Titel in meinem Herzen auf alle Zeiten. Aber ich möchte Dir jetzt eine ganz andere Frage stellen: Was macht ein elfjähriges Mädchen in seiner Freizeit?

Egal, was Du jetzt sagen willst, es ist vermutlich falsch. Erst ganz zum Schluss (wenn überhaupt) kommt Dir wahrscheinlich das Schreiben einer Fan-Fiction in den Sinn, in der man selbst Falco im Himmel trifft, weil er einen umgebracht hat (Spoiler-Alert).

Genau das habe ich aber getan. Viel Spaß beim Lesen. Und falls du das irgendwann, irgendwo zu lesen kriegst: Happy Birthday, Hans.


Wie jeden Morgen ging ich zu der Bushaltestelle und wartete auf meine Freundin Anna. Auf der Straße war wieder einiges los, immerhin Montagmorgen. Plötzlich sah ich ein weißes Licht und mich packte jemand. Ich wurde gezwungen in ein fremdes Auto zu steigen und wehrte mich kräftig, doch dieser Mann in Schwarz, der war einfach zu kräftig für mich.

Ich musste mich selbst anschnallen, während der Mann vorne einstieg. Ich dachte gerade, ob das vielleicht doch alles nur ein schlimmer Traum wäre und Tränen stiegen mir in die Augen. In dieser abstrusen Situation stiegen die verrücktesten Gedanken in meinen Kopf, zuletzt dachte ich an „Jeanny“, mein Lieblingslied von Falco. Wenigstens würde es jetzt Sinn ergeben, wieso ich genau dieses Lied von ihm so gerne mag – ich wurde ja entführt. Ich summte die Melodie leise vor mich hin, während mir die Tränen herunter kullerten. Beim Refrain stimmte der Mann mit ein. Ich war noch ganz verwirrt, als er sich plötzlich umdrehte, die Kapuze herunternahm und ich ihn erkannte: Falco!!!

„Jetzt werde ich komplett verrückt!“, dachte ich. „Vielleicht weiß er sogar, dass ich ein Fan von Falco bin und denkt, dass er mich mit dieser erschreckenden Ähnlichkeit beeinflussen könnte.“ Er fragte: „Pia, ist alles in Ordnung?“. Als ich hörte, dass er meinen Namen kannte, fiel ich einfach in Ohnmacht, es war zu viel. Ich wachte in einem ziemlich seltsamen Raum auf. Ich glaubte sogar, ich wäre in einem Filmstudio, denn alles war weiß und mit flauschigen Wolken bedeckt. Als ich meine Hand durch die Wolken steckte, spürte ich keinen Boden. Ich machte ein Loch hinein und sah hindurch. Ich sah zwar den Boden, aber erst nach hunderten von Metern. Ich war in der Luft! Auf einer Wolke! Ich war also nicht im Weltraum sondern etwas tiefer…

Da hörte ich eine Melodie, die mir sehr bekannt vorkam. Ich dachte nach und da fiel es mir ein: „Ihre Tochter“. Ich dachte schon, dass der Mann, der aussah wie Falco, weg wäre. Naja, wenn ich tot bin, kann er mir ja nicht mehr wehtun. So folgte ich der Melodie, die immer lauter wurde. Schließlich kam ich wieder zu dem Mann, aber ich versteckte mich hinter einer weichen Wolke. Er hingegen sah ganz anders aus. Seine Haare waren glatt nach hinten gekämmt und er wirkte gar nicht  mehr angsteinflößend. Fast schon ein wenig traurig und ich bildete mir ein, eine Träne in seinem Auge gesehen zu haben. „Komm her, Pia, ich sehe dich“, meinte er nach kurzer Zeit. Wahrscheinlich hatte ich mich ein wenig zu sehr vorgebeugt. Ich ging langsam zu ihm.

„Als Kind wollte ich nur Popstar werden… Was wolltest du denn einmal sein, Pia?“, fragte er und zerstörte die Stille. „Ich will noch vieles. Mehr verstanden werden zum Beispiel. Für ein Mädchen in meinem Alter ist es nicht üblich, Falco zu hören…“, gab ich als Antwort. Er fragte mich sofort, warum ich Falco sagte, ich konnte doch sagen, dass ich „dich“ hörte.

Mit einem fragenden Blick sah ich in die Richtung dieses schwarzhaarigen Mannes, dunkel wie das Gefieder eines Raben. „Du bist der echte Falco? Ich dachte, dass der Entführer nur so aussah, damit er ein Fünkchen Vertrauen zwischen uns schaffen könnte… Wo bin ich überhaupt? Im Himmel wohl nicht, oder?“. Er sah mich traurig an und ich glaubte zu verstehen.

„Ich bin also wirklich im Himmel und ich bin tot. Nicht mehr auf der Erde…“, sagte ich verzweifelt. Er hingegen starrte auf den Boden. „Ich habe dich gerettet Pia. Du wärst eine Sekunde später von einem Auto überfahren worden.“ Ohne eine Vorwarnung begann ich schlagartig zu weinen. Er legte seinen Atm um meine Schulter und ich verstand nach und nach: „Ich konnte mich noch nicht einmal verabschieden… Von niemandem“.

Plötzlich stand Falco auf und führte mich zu einer Art Fernseher. Daneben stand ein etwas kleinerer Bildschirm: „Füllen Sie bitte die folgenden Fragen aus, wenn Sie eine Person suchen“ Dies tat ich und drückte abschließend einen Knopf. Als Erstes sah ich meine Mama, die auf einem Stuhl saß und fürchterlich weinte. Neben ihr stand die Polizei. Kameraschwenk und dann plötzlich meine Geschwister und zum Schluss kommt mein Papa durch die Türe. Sie alle hatten gerötete Augen und ich verstand mit einem Mal, wieso sie weinten. Ich war ja tot.

„Falco, woher wissen die so genau, dass ich tot bin? Meine Leiche kann nicht gefunden werden!“, flüsterte ich ihm zu.
„Im Moment gehen sie davon aus, dass du entführt wurdest. Sie sind alle sehr traurig… Willst du ihnen ein Zeichen schicken?“

Ich verstand sofort und schwebte in mein Zimmer, schaltete den CD-Player ein. Track Nummer Drei: Jeanny. „Weißt du, Wiener Neustadt kenne ich sogar ein bisschen. Hab hier mal ein Sinfoniekonzert gegeben. Warst du da eigentlich dabei?“, meinte er, als er sich in meinem Zimmer umsah. „Leider war ich da noch nicht mal auf der Welt, also nein“, antwortete ich schlicht. Witzig, früher dachte ich immer, Falco nur auf dem Grab im Zentralfriedhof begegnen zu können, doch jetzt stand ich hier wahrhaftig mit ihm. Auch wenn wir beide tot waren, was die Situation ein wenig grotesk werden ließ.

Wir wanderten in der Wohnung herum, anscheinend waren noch mehr Polizisten da. Man konnte uns nicht sehen. Falco versuchte die Situation mit Smalltalk aufzulockern: „Also Jeanny ist dein Lieblingslied, aber was ist mit deiner restlichen Familie?“. Mit neugierigen Augen blickte er mich an und mir wurde unwohl. Ich war eigentlich der einzig große Fan… „Also meine Mama hört von dir auch gern ‚Junge Römer'“. Gerade als ich von ihr sprach, kamen wir ins Wohnzimmer. Sie sah sich selbst nicht mehr gleich. Wir hatten die Türe zu meinem Zimmer offen gelassen und Jeanny näherte sich dem Refrain. „Frau Hofstättner, Sie müssen uns genau sagen, was Ihnen alles einfällt. Hatte Pia irgendwelche Freunde, die sie vielleicht besuchen wollte?“, meinte der Polizist zu ihr, als sie ruckartig aufstand. „Hörst du das?“, sagte sie zu meinem Papa und ging uns entgegen.

Ich konnte nicht mehr. Schnell rannte ich ins Zimmer und schrieb einige Zeilen auf ein Blatt Papier am Schreibtisch: „Ich möchte mich für alles bedanken, was meine Eltern und Geschwister jemals für mich getan haben“. Dann flog ich schnurstracks in den Himmel zurück und nach einiger Zeit kam Falco nach. „Wieso hast du das auch noch getan? Das wird ihnen das Herz brechen!“, fuhr er mich an. „Ich will ihnen Hinweise auf meinen Tod geben, ich möchte, dass sie damit abschließen können“, sagte ich und die Tränen stiegen mir erneut auf.

Mit dem konnte Falco nicht so gut umgehen, anscheinend heulte ich zu viel für seinen Geschmack, also kam er mit einer seiner Lebensgeschichten. „85 hab ich den Pop Amadeus bekommen, das war ziemlich cool – hast du jemals einen Preis gewonnen?“, fragte er mich. Ich gab keine Antwort und er fuhr fort: „Und am Anfang meiner Karriere hatte ich einen echt witzigen Namen, das weißt du bestimmt nicht, es war-„

„Gott Ära Falco, weiß ich schon“, schnitt ich ihm das Wort ab und grinste. Er hat es geschafft mich aufzuheitern. Aber eines verstand ich trotzdem nicht, wieso wollte er mir so sehr helfen? „Sag mal, wieso hast du mich eigentlich in den Himmel gebracht? Kommt man denn nicht automatisch in den Himmel, wenn man stirbt?“. Erstarrt blickte er mich an, anscheinend hatte ich eine schwache Stelle entdeckt. „Ich war nicht deine Eskorte in den Himmel… es ist meine Schuld, dass du hier bist. Ich habe dich mit dem Auto angefahren – es tut mir leid.“ Ich konnte es nicht fassen! Wieso tat er das! Ich rannte zu ihm, schlug ihm meine Fäuste in die Magengrube. „Ich bin wegen dir tot?! Was soll das!!!“ Ich weinte und schrie und schluchzte, als ich davonlief. Ich rannte, bis ich stürzte und in ein schwarzes Loch fiel.

Als ich aufwachte, lag ich neben meinem Bett und mein Kopf tat höllisch weh. Was war denn bitte bloß passiert? Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen und dann kam auch noch mein Papa ins Zimmer und meinte: „Na, hast du gestern vergessen, die Uhr umzustellen? Du musst in die Schule, na hopp, auf jetzt“. So beeilte ich mich, damit ich den Bus noch erwischen konnte und meine Gedanken, die versuchten, sich aus dieser seltsamen Situationen ein Bild zu machen, verschwanden gezwungenermaßen.

Beim Gehen aber hinterfragte ich nach und nach die Erlebnisse, von denen ich dachte, sie wären passiert, aber hier stand ich nun auf Grazer Straße und war eben doch nicht tot. Ein wenig war ich traurig, ich hatte Falco nicht mal annähernd all die Fragen gestellt, die mich so brennend interessieren. Welches Lied ihn am meisten berührt hatte, welche Inspirationsquellen er hatte und was in seinem Innersten brannte. Plötzlich aber fuhr ein Auto vor, genauso wie am Beginn meines Abenteuers. Langsam näherte ich mich den getönten Scheiben und als sie heruntergelassen wurden, sah ich ihn. Falco.

Ich hatte Angst, vielleicht war er ja böse, weil ich weggegangen bin. „Ich bin dir nicht böse, weil du weggelaufen bist. Zum Sterben warst du einfach noch nicht bereit und ich verstehe das. Aber ich hab jetzt niemanden mehr zum Reden…“
„Warte mal, wieso denn das? Wir können doch Kontakt halten!“ Es schien, als würde ihm meine Idee gefallen und nickte. „Dann, bis heute Nacht. Heute möchte ich alles über dich erfahren!“ Dann fuhr er weg und ich stand immer noch auf der Bushaltestelle, zum Glück alleine. Wenn jemand dieses Gespräch mitgehört hätte, wäre ich geliefert gewesen.

Anna erschien und ich erschrak, aber es fiel ihr nicht auf: „Tut mir leid, ich hab heut total verschlafen, hast du schon lange warten müssen?“.
„Och ein wenig schon, aber ich hab mich mit Falco unterhalten, dann ist die Zeit schneller vergangen“, sagte ich nur. Sie sah mich mit diesem „Typisch-Pia“ Blick an, aber ich war schon mit den Gedanken ganz woanders, ganz weit oben.

Im Himmel, bei meinem großen Idol und Vorbild: dem Falken namens Falco.

Du meine Güte, die spinnen doch alle. Ich bin nicht dünn, im Gegenteil, ein paar Kilos hier und da würden mir sicher nicht schaden. Immerhin will ich endlich auf Größe Null herunter, seit Wochen verliere ich einfach kein Gewicht mehr.

Mama sagt dauernd, dass ich mehr essen soll, aber jeden Bissen den ich herunterschlucke, möchte ich am liebsten gleich wieder herauskotzen. Obwohl ich nicht diese Methode benutze, um dünner zu werden, das ich nicht so wirklich mein Ding. Ich bin eher der kritische, berechnende Typ, der zuerst nachdenkt, bevor er isst. Sollte ich wirklich dieses Brot mit Aufstrich essen oder doch eher eine einzelne Tomate? So ticke ich. Bin ziemlich stolz auf diese Methode, aber wenn ich in den Spiegel sehe, erkenne ich nur eines: Fett. Und das überall wo ich hinsehe.

Die Haut, einfach zu groß und voluminös. Und nicht nur die Haut selbst, sondern auch noch wie die aussieht! Falten, obwohl ich doch gerade erst sechzehn bin und dann die Verunreinigungen. Eine Missgeburt, das bin ich. Obwohl mir das niemand sagt, weiß ich, dass sich das alle denken. Aber ich habe einen Plan, wie ich dieses Monster besiegen kann: mit vielen Schönheitsmasken, Hautpeelings, Pflegeprodukten und meiner strengen Diät. Irgendwann werde ich zur Miss World gekürt, dann werden alle staunen, mich bewundern und nicht mehr schlecht über mich reden. Die sehen schon, was ihnen davon bleibt.

Meine Freundinnen wissen, dass ich nicht mehr soviel esse und sie denken sich ihren Teil halt dazu. Eigentlich wollen wir alle eh dasselbe, aber wir verwenden verschiedene Methoden. Die eine macht alles mit Sport weg, die andere kotzt heraus. Wir unterstützen uns alle gegenseitig im Kampf gegen die Kilos, die Jungs in der oberen Schulstufe sind aber die allergrößte Motivation. Vielleicht reagiert endlich Patrick, wenn ich in dieses superenge Shirt passe, da schaue ich dann einfach super aus. Generell muss ich sagen, dass ich die Fleißigste von uns bin, das ist einfach mein neues Hobby. Reiten interessiert mich nicht mehr, völlig lahm im Gegenteil zum Kalorien zählen, das ist ein richtiges Spiel dagegen.

Meine Eltern verstehen das mal gar nicht, aber wann haben die je was gecheckt? Seit Mama zwei Jobs hat, bin ich fast nur mehr allein zuhause und keiner kann überprüfen, ob ich den Schweinsbraten in der Mikrowelle tatsächlich gegessen oder unserem Hund gegeben habe. Was im Klo heruntergespült wurde, wird auch niemals gesehen werden, also hab ich gewonnen. Wenn sie dann nachhause kommt und mich fragt, ob ich mit ihr etwas zu Abendessen will, dann sage ich, dass ich erst vor einer halben Stunde gegessen habe. Aber nur ich weiß, dass es nur ein halbes Stück Brot war. Wobei – „nur“? Brot hat verdammt viele Kalorien.

Zu meinem Hobby kommt natürlich auch das Nachsehen, wie es anderen Mädchen geht. Gerne schaue ich im Fernsehen diese Vorher-Nachher Shows. Am liebsten habe ich die Serien mit den Schönheitsoperationen, vor allem weil ich mich immer selbst sehe, wie ich dann mal meine Nase richten lasse. Leider kann man seine Nase nicht wegessen, so wie man es mit seinem Körper machen kann. Als ich das letztens vor meinen Eltern anklingen habe lassen, sind die regelrecht ausgerastet. Sie sind mir dann damit gekommen, dass ich mich selbst lieben lernen muss und sogar stolz sein kann auf mein Aussehen. Mama sagt mir zwar, dass ich schön bin, aber sie hat leicht reden, sie hat Omas riesige Speck- und Fettschenkel ja nicht geerbt, nein sie hat natürlich die langen Storchfüße bekommen.

Der beste Einfall seit langem war ja der Vorschlag, dass ich mir meine Jause in Zukunft bei diesem Bio-Händler vor unserer Schule kaufe, weil das ja so viel gesünder ist als das, was meine Eltern mir mitgeben. Sie sind ziemliche Ököfreaks, deshalb waren sie von der Idee begeistert und zack, natürlich kontrolliert mich auch da niemand. Ab und zu kaufe ich einer Erstklässlerin ein halb gegessenes Brot ab oder fische aus dem Mist Jausenpapier heraus und lege es in meine Schultasche. Falls Mama misstrauisch wird, würde sie das garantiert überzeugen. Von dem Geld, das ich mir damit erspare, habe ich mir letztens eine Jeans in Größe Null gekauft, die liegt versteckt in meinem Kasten, ganz hinten. Der Traum, in den ich hoffentlich bald hineinpasse.

Das einzige Problem ist nur das Sonntagsfrühstück, das alle paar Wochen von Mama und Papa abgehalten wird. Zum Glück nicht öfter, sie habe noch nicht realisiert, dass ich jedes Mal Kopf-, Bauch-  oder Halsweh habe. Meine kleine Schwester aber schon und die nervt dann immer total rum. Generell, sie ist ein echter Quälgeist, ständig will sie wissen, wann wir wieder Germanys Next Topmodel schauen. Ich mag das mit ihr nicht mehr machen, sie knabbert immer an Chips oder Gummibären nebenbei, das nervt. Warum wird sie von diesen hübschen, dünnen Mädels nicht dazu angespornt, etwas für den Körper zu tun? Wir streiten auch oft, dann kriege ich Zimmerarrest. Aber sogar das hat seinen Vorteil, denn wenn Mama mir dann etwas zu Essen bringt, lehne ich aus Frust und Trauer ab. Öh – ja genau, ich glaub’s auch.

Neulich ist etwas total komisches passiert, Papa hat mich doch ernsthaft gefragt, ob es mir gut geht. Also seelisch und so. Ich habe ihm nur gesagt, dass alles okay ist, im Gegenteil, dass ich ja supertoll aussehen würde und ob ihm das denn nicht aufgefallen wäre. Es kam dann kein Kompliment von ihm, was ich ziemlich gemein gefunden habe. Aber wenn er will! Bald wird er einsehen, dass ich noch nie besser als jetzt ausgesehen habe. Niemand wird mich von meinem Weg abbringen.

Fragst du dich auch in letzter Zeit, wieso du mit gewissen Personen Kontakt hast, geschweige denn mit ihnen befreundet bist? Keine Schande, sowas zu denken. Es folgt ein Guide mit 7 Merkmalen, was keine Freundschaft ist.

1)      Es ist keine Freundschaft, wenn du tatsächlich um Erlaubnis fragen musst, ob du mit anderen Menschen Zeit verbringen darfst. Du hast schon zwei Leute von dieser Sorte in deinem Leben (deine Eltern) und mehr davon nicht nötig.

2)      Es ist keine Freundschaft, wenn mit dir nur gesprochen wird, wenn es „passend“ ist, oder was gebraucht wird. Bist du Rat-auf-Draht oder Amazon? Ich denke nicht.

3)      Achtung, throwback: Wer hatte nicht diesen einen Mitschüler, der ständig die Unterlagen wollte? Ja schon klar, deine Mitschrift sieht wirklich top aus, aber nur weil jemand selbst seinen Kram nicht beisammen hat, musst du dich nicht ständig ausnutzen lassen. Es ist keine Freundschaft, wenn du missbrauchst wirst, weil du ein netter Mensch bist und halt einfach nicht Nein sagen kannst.

4)      Apropos ausnutzen lassen: Es ist auch keine Freundschaft, wenn immer nur du der Mistkübel für emotionalen Ballast bist. Natürlich gibt es Ausnahmen, wenn der Andere gerade eine miese Zeit hat, doch wenn du nie zum Gegenzug kommen und dir deine Probleme  von der Seele reden kannst – spar dir den Weg zu diesem „Freund“ und sprich mit deiner Wand.

5)      Wenn du einmal mitkriegst, dass dein sogenannter „Freund“ schlecht über dich geredet hat, als du nicht dabei warst, lass es. Kannst du wirklich darüber hinwegsehen, es vergessen? Oder wirst du dich nicht stattdessen fragen, ob es noch einmal passiert ist?  Es ist keine Freundschaft, wenn du dir Sorgen darüber machen musst, ob die andere Person Mist redet, dafür sind Sendungen wie Berlin Tag & Nacht und Germany’s Next Topmodel da.

6)      Es ist keine Freundschaft, wenn das Gegenüber ganz genau weiß, dass es dir schlecht geht, aber nicht nachfragt. Anscheinend dreht sich die Welt nur um sie, denn: In guten wie in – guten Tagen? Meiner Meinung nach sind Freunde füreinander da, wenn die Sonne scheint und wenn es hagelt. Aber anscheinend möchte diese Person nur mit dir Kontakt haben, wenn es für sie passt (siehe Punkt 2).

7)        Es ist keine Freundschaft, wenn du jedes Mal eine Migräneattacke oder Bauchweh kriegst, wenn sie dich anrufen oder dir schreiben. Du fühlst dich einfach nur mehr Scheiße und es saugt dir deine Kraft immer mehr und mehr aus.

Je mehr dieser Merkmale zutreffen, desto schlimmer. Bitte, distanziere dich, um deinetwillen, sonst gehst du noch kaputt. Du verdienst so viel mehr… Und hey, willst du mit mir befreundet sein? 🙂