Der Fehler

Vera sah aus dem Fenster hinunter in den Garten, der Schnee schmolz in dem fahlen Mittagslicht dahin. „Zum Glück ist der bald weg“, dachte sie. „Bin sowieso eher ein Sommermensch“. Ihre Mutter rief etwas in ihr Zimmer, aber sie stand auf und machte die Türe zu. Im Moment hatte Vera weder die Lust und schon gar nicht die Kraft, sich diese endlosen Predigten anzuhören. Oder noch schlimmer, die Fragen bezüglich der Schule. „Kann sie mich nicht endlich wie eine Erwachsene behandeln?“, murmelte sie in das Formelheft, als sie sich wieder hingesetzt hatte.

In den letzten Wochen war Vera mit dem Sonnenlicht auch die Lebensfreude entwichen. „Das ist nur die Winterdepression, reg dich nicht auf“, hatte ihr ihre beste Freundin gesagt, aber Vera wusste es besser. Das war nicht nur das gewöhnliche Hinterherjammern nach der Sonne, etwas anderes fehlte… oder jemand.

Damals dachte sie, dass es die richtige Entscheidung gewesen wäre.  Also soweit das möglich war, sie wurde ja geradezu gedrängt. Bei der Erinnerung daran schloss sie verkrampft die Augen. „Er hat mich ja nicht nachdenken lassen, also ist er jetzt selbst schuld“, das sagte sie damals all ihren Freundinnen.

Vera wandte sich wieder dem leidigen Thema der Konfidenzintervallen zu, doch ihre Konzentration währte nicht lange. Draußen hörte sie einen leisen Aufschrei, der sich nach kurzer Zeit aber in ein Lachen verwandelte. Anscheinend spielten die Kinder aus der Nachbarschaft im Schnee. Ihre Augen wanderten erneut zu der Fensterscheibe und Vera versank beim Anblick ihres Spiegelbilds im Aufblitzen einer Erinnerung aus einem der letzten Winter. Al hatte sie bei einer Schneeballschlacht herausgefordert und bitter büßen müssen, seine Jacke war über und über bedeckt mit Schnee gewesen, als sie nach Stunden zurück ins Haus kamen.

Keine Sekunde lang dachte sie an dieses Bild, doch schon begann der ewigwährende Monolog in ihrem Kopf, immer und immer wieder derselbe. „Selbst länger nachzudenken hätte nicht geholfen, ich hab gespürt, dass es vorbei ist und sonst wär es halt erst ein paar Wochen danach passiert. Er soll froh sein“. Diese Gedanken redete sie sich monatelang ein, aber etwas hatte sich geändert seitdem der Schnee vom Himmel gefallen war. Vera sprach mit niemandem darüber, sie traute sich nicht.

Es gab eigentlich niemanden der schuldig war, nicht Vera und nicht Al. Aber all die Fragen der anderen bedrängten sie nach und nach, also schob sie damals alles von sich und gab ihm die Schuld. Vera konnte nicht mehr an ihrem Schreibtisch sitzen und stand auf, lehnte die Stirn gegen das Glas. „Ob er jetzt auch gerade im Schnee spazieren geht?“, nuschelte sie gegen das Fenster.

Mit jedem Atemzug beschlug es sich weiter und Vera war erleichtert. Sie konnte vielleicht jeden anlügen und ihre wahren Gefühle vertuschen, aber sich selbst in die Augen zu sehen, das war etwas anderes. Wenn Vera ihr Spiegelbild sah, kann und musste sie sogar ehrlich mit sich selbst sein. Und es wurde Zeit, es zu gestehen: „Das damals war ein Fehler. Mein Fehler.“ Nach und nach rollten einzelne Tränen von Veras Wange herab, voller Zorn wischte sie die beschlagene Scheibe wieder klar.

 

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