Gemalte Angst

Ich bin Josefine, eine Künstlerin aus einem kleinen Dorf und vor langer Zeit hatte ich die Idee, die Kirche unserer Siedlung malen. Ich holte meine Utensilien und machte mich auf den Weg zu der Kapelle. Schon nach kurzer Zeit hatte ich die Schönheit unserer Kirche auf meiner Leinwand eingefangen. Doch plötzlich, als ich den letzten Schliff ausführen wollte, geschah es.

Ich glaubte, ich würde träumen, als ich sah, dass das Bild sich veränderte. Mein Pinsel berührte kaum die Leinwand, doch trotzdem wanderte die Kirche über die Rahmenkante, bis nur noch ein Stück des Gebäudes zu sehen war. Ich machte keinen Pinselstrich, dennoch entstand vor meinen Augen ein völlig neues Bild, das ich nicht beabsichtigt hatte. Voller Angst starrte ich auf die immer dunkler werdende Leinwand, weil meine Sonne von grauen Wolken überdeckt wurde. Nach und nach entstanden Gräber, die fast das gesamte Gemälde bevölkerten. Die abgefallenen Blätter der Bäume wehten im Wind.

Etwas zwang mich, genau in die Mitte des Bildes zu sehen, obwohl mich augenblicklich eine Angst durchfuhr, wie ich sie noch nie zuvor verspürt hatte. Langsam entstand eine Gestalt in der Mitte des Bildes und dieser Mann starrte mir furchteinflößend ins Gesicht. Sein fast zahnloser Mund formte sich zu Worten und er steuerte mit langsamen Schritten auf mich zu. Gebannt starrte ich ihn an, hatte aber die Kraft mit meiner freien Hand den Wasserbecher zu ergreifen – ich wollte den gesamten Inhalt über den Keilrahmen gießen.

Aber plötzlich hörte ich seine heisere Stimme: „Hilf mir, bitte!“

Schweißgebadet wartete ich auf mein Ende, doch er begann zu erzählen: „Seit vielen Jahren warte ich auf das Grab meiner Frau und brauche jetzt einfach die Hilfe eines Malers. Ich geistere schon lange in den Bildern von Künstlern herum, die immer nur vor mir flüchten und mich in tausend kleine Stücke zerschlagen. Du bist die Erste, die das nicht tut.“ Nochmals bat er mich um Hilfe.

Die Entscheidung nicht davonzulaufen, fiel mir nicht leicht, doch meine Hand fing wie von selbst auf der Leinwand an zu malen. Langsam begann ich die Umrisse eines Steingrabes neben das seine zu zeichnen und schluckte schwer. „Wie heißt ihre Frau denn?“, fragte ich und lachend gab er mir seine Antwort. Ich schrieb diesen Namen auf das Grab und wenige Sekunden später erschien ein zweites Wesen und nahm den Mann an der Hand. Auf einmal war das Bild, das ich die letzten Minuten gebannt angestarrt habe, verschwunden und meine gemalte Kirche rückte wieder in die Mitte des Bildes.

Hatte ich denn nur geträumt? Ich packte meine Malsachen, denn die Lust am Malen war mir reichlich vergangen und machte mich auf den Weg nachhause. Doch irgendwas ließ mir keine Ruhe und ich beschloss den Umweg über den Friedhof zu nehmen. Ich brauchte nicht lange zu suchen, denn schon von weitem sah ich das Grab, das ich gemalt hatte. Es lautete auf den Namen „Victoria Lauer“ und direkt daneben befand sich ein altes, verwittertes Grab. Auf dessen Grabstein stand mit frischen goldenen Buchstaben: „Georg Lauer. In ewiger Dankbarkeit für Josefine. Entschuldige, dass ich vergessen habe, dir persönlich zu danken“.

Ein Schauer lief mir über den Rücken, als ich schnell nachhause lief. Ich hatte also doch nicht geträumt – aber bedeutete das, dass ich gerade einen Mord begangen habe? Vorsichtshalber kaufte ich mir neue Farben, bevor ich mein nächstes Bild malte und seit diesem Erlebnis porträtiere ich nur noch Blumen und Früchte – zur Sicherheit!

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