Die Inspiration ist das schönste Gefühl, das es auf dieser Erde zu empfinden gibt. Du spürst es, wenn sie da ist. Sie wärmt dich. Wenn dir Inspiration innewohnt, hörst du ständig ein helles Lachen, das dich in dunklen Zeiten aufheitert. Zunächst spürst du ein Rauschen in den Ohren, so sachte wie ein kleiner Bach. Mit der Zeit wird es zu einem rauschenden Fluss, der sich bis in deiner kleinen Zehe ausbreitet.

Und aus dieser Sanftheit wird nach und nach ein Ruf, polternd wie ein Trommelklang hört sich das an. Du fühlst, dass dich etwas herlocken möchte – eine Idee. Aber wirst du hinhören, traust du dich das? Niemand weiß, wohin das führen kann. Du bist alleinig verantwortlich für das, was passieren könnte.

Und so sehr, wie dich dieses Gefühl belebt, egal wie stark du dich in diesen Zeiten fühlst. Diese Kraft wird dir genommen werden, wenn die Inspiration mal nicht da ist. Und je länger die Dauer dieser Abwesenheit wird, desto schlimmer. Da kann die Welt mal schnell zu einem Schwarz-Weiß Film werden… Aber keine Sorge. Sie kommt wieder vorbei, die Inspiration.

Wenn geliebte Menschen leiden, tut das sehr weh. Manchmal geht es so weit, dass die Person sich selbst nicht mehr gleicht. Man fragt sich dann, wo dieser starke Mensch hin ist, zu dem man so oft hinaufgesehen hat.

Wenn geliebte Menschen leiden, dann brennt einem das Herz und man hat Angst. Angst davor, sie mit dem eigenen Atem aus dem Konzept bringen zu können. Denn mehr kann man nicht tun, weil sie sich nicht helfen lassen. Schweigend sitzt man da, während das Herz brennt und hört zu.

Wenn geliebte Menschen leiden, sind die Augen ausgetrocknet. Es gibt einfach keine Tränen mehr in diesem Körper. Aussichtslos scheint jede Möglichkeit nach Hoffnung und sie selbst haben längst aufgehört, nach dem Silberstreifen am Horizont zu schauen. Wieso sollte man selbst nachsehen?

Wenn geliebte Menschen leiden, kann es auch zu Selbsthass kommen. Wieso hatte man die Zeit davor nicht besser genutzt? Hätte man diesen Menschen retten können? Was hätte man anders machen müssen, damit man diesem Menschen Schmerz ersparen kann?

Wenn geliebte Menschen leiden, bewundert man jeden Einzelnen, der noch da ist. Der überhaupt noch die Kraft hat, zu helfen. Man selbst ist am Ende, mit dem Brennen im Herzen.

Vera sah aus dem Fenster hinunter in den Garten, der Schnee schmolz in dem fahlen Mittagslicht dahin. „Zum Glück ist der bald weg“, dachte sie. „Bin sowieso eher ein Sommermensch“. Ihre Mutter rief etwas in ihr Zimmer, aber sie stand auf und machte die Türe zu. Im Moment hatte Vera weder die Lust und schon gar nicht die Kraft, sich diese endlosen Predigten anzuhören. Oder noch schlimmer, die Fragen bezüglich der Schule. „Kann sie mich nicht endlich wie eine Erwachsene behandeln?“, murmelte sie in das Formelheft, als sie sich wieder hingesetzt hatte.

In den letzten Wochen war Vera mit dem Sonnenlicht auch die Lebensfreude entwichen. „Das ist nur die Winterdepression, reg dich nicht auf“, hatte ihr ihre beste Freundin gesagt, aber Vera wusste es besser. Das war nicht nur das gewöhnliche Hinterherjammern nach der Sonne, etwas anderes fehlte… oder jemand.

Damals dachte sie, dass es die richtige Entscheidung gewesen wäre.  Also soweit das möglich war, sie wurde ja geradezu gedrängt. Bei der Erinnerung daran schloss sie verkrampft die Augen. „Er hat mich ja nicht nachdenken lassen, also ist er jetzt selbst schuld“, das sagte sie damals all ihren Freundinnen.

Vera wandte sich wieder dem leidigen Thema der Konfidenzintervallen zu, doch ihre Konzentration währte nicht lange. Draußen hörte sie einen leisen Aufschrei, der sich nach kurzer Zeit aber in ein Lachen verwandelte. Anscheinend spielten die Kinder aus der Nachbarschaft im Schnee. Ihre Augen wanderten erneut zu der Fensterscheibe und Vera versank beim Anblick ihres Spiegelbilds im Aufblitzen einer Erinnerung aus einem der letzten Winter. Al hatte sie bei einer Schneeballschlacht herausgefordert und bitter büßen müssen, seine Jacke war über und über bedeckt mit Schnee gewesen, als sie nach Stunden zurück ins Haus kamen.

Keine Sekunde lang dachte sie an dieses Bild, doch schon begann der ewigwährende Monolog in ihrem Kopf, immer und immer wieder derselbe. „Selbst länger nachzudenken hätte nicht geholfen, ich hab gespürt, dass es vorbei ist und sonst wär es halt erst ein paar Wochen danach passiert. Er soll froh sein“. Diese Gedanken redete sie sich monatelang ein, aber etwas hatte sich geändert seitdem der Schnee vom Himmel gefallen war. Vera sprach mit niemandem darüber, sie traute sich nicht.

Es gab eigentlich niemanden der schuldig war, nicht Vera und nicht Al. Aber all die Fragen der anderen bedrängten sie nach und nach, also schob sie damals alles von sich und gab ihm die Schuld. Vera konnte nicht mehr an ihrem Schreibtisch sitzen und stand auf, lehnte die Stirn gegen das Glas. „Ob er jetzt auch gerade im Schnee spazieren geht?“, nuschelte sie gegen das Fenster.

Mit jedem Atemzug beschlug es sich weiter und Vera war erleichtert. Sie konnte vielleicht jeden anlügen und ihre wahren Gefühle vertuschen, aber sich selbst in die Augen zu sehen, das war etwas anderes. Wenn Vera ihr Spiegelbild sah, kann und musste sie sogar ehrlich mit sich selbst sein. Und es wurde Zeit, es zu gestehen: „Das damals war ein Fehler. Mein Fehler.“ Nach und nach rollten einzelne Tränen von Veras Wange herab, voller Zorn wischte sie die beschlagene Scheibe wieder klar.

 

Mittlerweile ist schon die erste Januarwoche vorbei und du selbst wirst langsam wieder realistischer was deine Neujahrsvorsätze betrifft. Ich persönlich wackle immer zwischen zu einfachen Zielen (beispielsweise meinen Schreibtisch endlich zu verscherbeln) oder Vorsätze, die ich mit viel Glück in den nächsten paar Jahren vielleicht umsetzen kann.

Dieses eine große Ziel war für mich jahrelang immer dasselbe: einmal nach Japan reisen. Endlich dieses Land mit eigenen Augen sehen, das mich fasziniert. Ich selbst weiß nicht, was es genau ist und wenn Leute mich fragen, ringe ich ständig nach rationalen Argumenten, wieso es mein Herz genau dorthin zieht (du erkennst hier vielleicht den Konflikt zwischen Kopf und Gefühl).

Ich dachte immer, dass ich mal in der Pension nach Japan reisen werde, so als ergraute Granny – aber ganz ehrlich, das ist nur eine Entschuldigung, die nicht mal ansatzweise überzeugt. Warum warten? So eine Einstellung schützt dich vielleicht einerseits vor Erfahrungen, die du nicht erlebt haben willst, andererseits paralysiert sie dich so sehr, dass du in Angst vor dich hinvegetierst. Und ganz ehrlich, was ist da besser?

Ich weiß nicht, wie’s dir geht, aber mein 2017 läuft bisher ziemlich gut, weil ich mit Mut im Hinterkopf endlich damit aufhöre, bloß apathisch von meinen Zielen zu sprechen. Aus – Schluss – Basta.
Ich werde meine Träume und Vorsätze verdammt nochmal zu Realität werden lassen, denn das schulde ich meinem Herzen. Und siehe da: Es wird Nägel mit Köpfen gemacht, denn im Frühling überwinde ich tatsächlich alleine diese tausenden Kilometer und reise in den Osten. In diesem Sinne: stay tuned.

Welches Ziel lodert denn in dir schon seit Jahren? Wollen wir uns diese nicht beide erfüllen?

Ich bin Josefine, eine Künstlerin aus einem kleinen Dorf und vor langer Zeit hatte ich die Idee, die Kirche unserer Siedlung malen. Ich holte meine Utensilien und machte mich auf den Weg zu der Kapelle. Schon nach kurzer Zeit hatte ich die Schönheit unserer Kirche auf meiner Leinwand eingefangen. Doch plötzlich, als ich den letzten Schliff ausführen wollte, geschah es.

Ich glaubte, ich würde träumen, als ich sah, dass das Bild sich veränderte. Mein Pinsel berührte kaum die Leinwand, doch trotzdem wanderte die Kirche über die Rahmenkante, bis nur noch ein Stück des Gebäudes zu sehen war. Ich machte keinen Pinselstrich, dennoch entstand vor meinen Augen ein völlig neues Bild, das ich nicht beabsichtigt hatte. Voller Angst starrte ich auf die immer dunkler werdende Leinwand, weil meine Sonne von grauen Wolken überdeckt wurde. Nach und nach entstanden Gräber, die fast das gesamte Gemälde bevölkerten. Die abgefallenen Blätter der Bäume wehten im Wind.

Etwas zwang mich, genau in die Mitte des Bildes zu sehen, obwohl mich augenblicklich eine Angst durchfuhr, wie ich sie noch nie zuvor verspürt hatte. Langsam entstand eine Gestalt in der Mitte des Bildes und dieser Mann starrte mir furchteinflößend ins Gesicht. Sein fast zahnloser Mund formte sich zu Worten und er steuerte mit langsamen Schritten auf mich zu. Gebannt starrte ich ihn an, hatte aber die Kraft mit meiner freien Hand den Wasserbecher zu ergreifen – ich wollte den gesamten Inhalt über den Keilrahmen gießen.

Aber plötzlich hörte ich seine heisere Stimme: „Hilf mir, bitte!“

Schweißgebadet wartete ich auf mein Ende, doch er begann zu erzählen: „Seit vielen Jahren warte ich auf das Grab meiner Frau und brauche jetzt einfach die Hilfe eines Malers. Ich geistere schon lange in den Bildern von Künstlern herum, die immer nur vor mir flüchten und mich in tausend kleine Stücke zerschlagen. Du bist die Erste, die das nicht tut.“ Nochmals bat er mich um Hilfe.

Die Entscheidung nicht davonzulaufen, fiel mir nicht leicht, doch meine Hand fing wie von selbst auf der Leinwand an zu malen. Langsam begann ich die Umrisse eines Steingrabes neben das seine zu zeichnen und schluckte schwer. „Wie heißt ihre Frau denn?“, fragte ich und lachend gab er mir seine Antwort. Ich schrieb diesen Namen auf das Grab und wenige Sekunden später erschien ein zweites Wesen und nahm den Mann an der Hand. Auf einmal war das Bild, das ich die letzten Minuten gebannt angestarrt habe, verschwunden und meine gemalte Kirche rückte wieder in die Mitte des Bildes.

Hatte ich denn nur geträumt? Ich packte meine Malsachen, denn die Lust am Malen war mir reichlich vergangen und machte mich auf den Weg nachhause. Doch irgendwas ließ mir keine Ruhe und ich beschloss den Umweg über den Friedhof zu nehmen. Ich brauchte nicht lange zu suchen, denn schon von weitem sah ich das Grab, das ich gemalt hatte. Es lautete auf den Namen „Victoria Lauer“ und direkt daneben befand sich ein altes, verwittertes Grab. Auf dessen Grabstein stand mit frischen goldenen Buchstaben: „Georg Lauer. In ewiger Dankbarkeit für Josefine. Entschuldige, dass ich vergessen habe, dir persönlich zu danken“.

Ein Schauer lief mir über den Rücken, als ich schnell nachhause lief. Ich hatte also doch nicht geträumt – aber bedeutete das, dass ich gerade einen Mord begangen habe? Vorsichtshalber kaufte ich mir neue Farben, bevor ich mein nächstes Bild malte und seit diesem Erlebnis porträtiere ich nur noch Blumen und Früchte – zur Sicherheit!