Märchenwirrwarr

Im Märchenland lebte einmal ein Zauberer, der seit seiner Geburt an einen Fluch gebunden war. Er musste jeden Wunsch erfüllen, egal ob dieser gut oder schlecht für die Menschen war. Fast täglich kamen Bewohner aus dem ganzen Märchenland zu ihm, und wünschten sich etwas.

Rapunzel zum Beispiel beschwerte sich über den dicken und schweren Prinzen, der jeden Tag mit Hilfe ihrer Haare in den Turm kletterte. „Weißt du, Zauberer, der liegt den halben Tag vorm Kaminfeuer“, beklagte sie sich. „Natürlich lässt er sich von mir bedienen. Der wird immer dicker und schwerer. Er soll sich auch einmal bewegen! Außerdem brauche ich für das Waschen und Trocknen meiner Haare viel zu lange. Da vergeht manchmal eine ganze Woche.“ So zauberte der Magier ihr eine Hunderttreppenstiege und ein Eingangstor in den Turm. Seither musste der Prinz täglich Stufen steigen und bekam bald einen Waschbrettbauch. Rapunzel dagegen konnte sich endlich eine peppige Kurzhaarfrisur schneiden lassen.

Der gestiefelte Kater wünschte sich Turnschuhe, denn die Lederstiefel waren schwer und deshalb wurde er immer Letzter beim Marathonlauf. Nachdem ihm der Zauberer den Wunsch erfüllte, gewann er jedes Rennen und war im ganzen Märchenland als der beste Läufer bekannt. Für seinen Freund, den Müllerssohn, hatte er keine Zeit mehr.

Das kleine Däumelinchen war sehr traurig, weil es immer übersehen wurde. Es tanzte nie einer mit ihm beim Märchenball, denn alle glaubten, es wäre gar nicht da. Deshalb bat es, dass es endlich größer wurde, und der Zauberer musste ihm den Wunsch erfüllen.

Eines Tages kam Schneewittchen zu dem geplagten Magier und klagte: „Diese sieben alten Zwerge verstehen mich überhaupt nicht! Ich bin 15 Jahre alt und möchte über etwas anderes reden als gesunde Ernährung. Ich mag keine Äpfel!!! Ich möchte auch einmal zum Burgerking und mit einer Freundin über die neuesten Märchenpopstars tratschen. Ich wünsche mir sieben Freundinnen in meinem Alter. Und die sieben Zwerge können sich um die alte Hexe kümmern.“ Seither lebte Schneewittchen mit ihren sieben neuen Freundinnen im Schloss der Stiefmutter, die wiederum in das alte Waldseniorenheim zu den Zwergen ziehen musste.

Kurze Zeit danach kam die Katze von den Bremer Stadtmusikanten ins Haus des Zauberers. Sie wünschte sich von ihm, dass der Hahn verschwinden würde und ein besserer Sänger an seine Stelle treten sollte. „Ich ertrage das Gekrächze einfach nicht mehr!“, fauchte sie. Blitzschnell saß eine Nachtigall auf ihrem Rücken. Doch das ging nicht lange gut, denn Nachtigallen gelten als Lieblingsspeise der Katzen, und deshalb waren die Stadtmusikanten bald nur noch zu dritt.

Der Wolf aus dem Märchenland hatte eine Eiweißallergie, da er aber immer Fleisch essen musste, war ihm jeden zweiten Tag schlecht. Deshalb begehrte er, Vegetarier zu sein. Die sieben Geißlein vermehrten sich rasend schnell, und so war bald das gesamte Märchenland von jungen Ziegen überschwemmt.

Der Froschkönig beschwerte sich: „Die Prinzessin, die mich geküsst hat, ist der reinste Horror! Die hat mehr Warzen im Gesicht, als ich in meinem Leben als Frosch je hatte. Verwandle mich wieder in einen Frosch zurück, damit mich die schöne Magd küssen kann.“

Hänsel dagegen hatte genug von Frauen. „Seit die Gretel in die Pubertät gekommen ist, wird zuhause nur noch vom Schminken und ‚Was ziehe ich heute Abend bloß an‘ geredet. In den Wald gehen wir überhaupt nicht mehr. Kannst du mir nicht einen Bruder herzaubern? Gretel kann ja zu Schneewittchen ziehen.“ Also musste der Zauberer auch diesen Wunsch gewähren.

Als die Gebrüder Jakob und Wilhelm Grimm wieder einmal das Märchenland besuchten, traf sie fast der Schlag. Was war bloß aus all den schönen Märchen geworden? Ratlos irrten sie durch dieses Wirrwarr, bis sie endlich den verwunschenen Zauberer trafen. Bestürzt fragten sie ihn: „Was hast du nur aus unseren schönen Geschichten gemacht?“. Traurig erzählte der Zauberer ihnen von dem gemeinen Fluch. Die Gebrüder Grimm aber hatten schnell eine Idee.

Jakob sprach: „Ich wünsche mir, dass du nur noch ein Verlangen erfüllen musst und danach von deinem Fluch befreit bist.“ Anschließend erbat Wilhelm die Märchen wieder so, wie sie ursprünglich waren. Gern erfüllte der Zauberer diesen allerletzten Wunsch.

Jetzt wisst ihr, warum die Märchen noch heute so sind, wie sie vor 200 Jahren von den Gebrüder Grimm aufgeschrieben wurden. Ob die Bewohner des Märchenlandes nun glücklich sind? Fragt sie das nächste Mal doch einfach selbst!

 

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