Ab jetzt kein verbrauchtes Leben mehr – ein unermüdlicher Geist ward geboren. Diese zweite Chance kam ungewollt, unerwartet, unbeabsichtigt. Doch die Sonne wartet auf niemanden und die verfrühte Jagd beginnt. Ein kleines Knistern hinten in meinem Herzen, es lodert aufmüpfig, als wäre ich zu zaghaft unterwegs. Ehe ich es realisiere, verwandelt sich das warme Prasseln in ein Flüstern und spricht zu mir: „Lauf jetzt aber schnell, Kleines.“

Der Sprint hinter der Sonne her beginnt, atemlos jagend bin ich auf der Suche. Doch nach was denn eigentlich genau? Und wie lange wird es dauern, bis ich wieder zurückkann? Gibt es überhaupt ein Zurück?

Am Stärksten wirkt die Frage nach dem „Warum“, die sich wie Gift in meinem Inneren ausbreitet. Es verklebt die Seele und räuchert die Hoffnung aus. Kochend und lodernd brennt der Schein über mir auf mich und ich gebe auf. Bereit zur Kapitulation lege ich mich zu Boden und: Augen zu, Mut zu, Leben zu…

Aber Wille auf – und dieser trifft die Entscheidung. Weiter und weiter und weiter laufe ich, bis schließlich die Sonne und mein Schmerz verblasst und ein anderes, kühleres Licht auftaucht. Der Wind schmiegt sich weich um meinen Körper und schickt mir den kraftbringenden Wink hinauf zum Mond. Er grüßt mich und ich laufe weiter. Und weiter und weiter und weiter.

Im Märchenland lebte einmal ein Zauberer, der seit seiner Geburt an einen Fluch gebunden war. Er musste jeden Wunsch erfüllen, egal ob dieser gut oder schlecht für die Menschen war. Fast täglich kamen Bewohner aus dem ganzen Märchenland zu ihm, und wünschten sich etwas.

Rapunzel zum Beispiel beschwerte sich über den dicken und schweren Prinzen, der jeden Tag mit Hilfe ihrer Haare in den Turm kletterte. „Weißt du, Zauberer, der liegt den halben Tag vorm Kaminfeuer“, beklagte sie sich. „Natürlich lässt er sich von mir bedienen. Der wird immer dicker und schwerer. Er soll sich auch einmal bewegen! Außerdem brauche ich für das Waschen und Trocknen meiner Haare viel zu lange. Da vergeht manchmal eine ganze Woche.“ So zauberte der Magier ihr eine Hunderttreppenstiege und ein Eingangstor in den Turm. Seither musste der Prinz täglich Stufen steigen und bekam bald einen Waschbrettbauch. Rapunzel dagegen konnte sich endlich eine peppige Kurzhaarfrisur schneiden lassen.

Der gestiefelte Kater wünschte sich Turnschuhe, denn die Lederstiefel waren schwer und deshalb wurde er immer Letzter beim Marathonlauf. Nachdem ihm der Zauberer den Wunsch erfüllte, gewann er jedes Rennen und war im ganzen Märchenland als der beste Läufer bekannt. Für seinen Freund, den Müllerssohn, hatte er keine Zeit mehr.

Das kleine Däumelinchen war sehr traurig, weil es immer übersehen wurde. Es tanzte nie einer mit ihm beim Märchenball, denn alle glaubten, es wäre gar nicht da. Deshalb bat es, dass es endlich größer wurde, und der Zauberer musste ihm den Wunsch erfüllen.

Eines Tages kam Schneewittchen zu dem geplagten Magier und klagte: „Diese sieben alten Zwerge verstehen mich überhaupt nicht! Ich bin 15 Jahre alt und möchte über etwas anderes reden als gesunde Ernährung. Ich mag keine Äpfel!!! Ich möchte auch einmal zum Burgerking und mit einer Freundin über die neuesten Märchenpopstars tratschen. Ich wünsche mir sieben Freundinnen in meinem Alter. Und die sieben Zwerge können sich um die alte Hexe kümmern.“ Seither lebte Schneewittchen mit ihren sieben neuen Freundinnen im Schloss der Stiefmutter, die wiederum in das alte Waldseniorenheim zu den Zwergen ziehen musste.

Kurze Zeit danach kam die Katze von den Bremer Stadtmusikanten ins Haus des Zauberers. Sie wünschte sich von ihm, dass der Hahn verschwinden würde und ein besserer Sänger an seine Stelle treten sollte. „Ich ertrage das Gekrächze einfach nicht mehr!“, fauchte sie. Blitzschnell saß eine Nachtigall auf ihrem Rücken. Doch das ging nicht lange gut, denn Nachtigallen gelten als Lieblingsspeise der Katzen, und deshalb waren die Stadtmusikanten bald nur noch zu dritt.

Der Wolf aus dem Märchenland hatte eine Eiweißallergie, da er aber immer Fleisch essen musste, war ihm jeden zweiten Tag schlecht. Deshalb begehrte er, Vegetarier zu sein. Die sieben Geißlein vermehrten sich rasend schnell, und so war bald das gesamte Märchenland von jungen Ziegen überschwemmt.

Der Froschkönig beschwerte sich: „Die Prinzessin, die mich geküsst hat, ist der reinste Horror! Die hat mehr Warzen im Gesicht, als ich in meinem Leben als Frosch je hatte. Verwandle mich wieder in einen Frosch zurück, damit mich die schöne Magd küssen kann.“

Hänsel dagegen hatte genug von Frauen. „Seit die Gretel in die Pubertät gekommen ist, wird zuhause nur noch vom Schminken und ‚Was ziehe ich heute Abend bloß an‘ geredet. In den Wald gehen wir überhaupt nicht mehr. Kannst du mir nicht einen Bruder herzaubern? Gretel kann ja zu Schneewittchen ziehen.“ Also musste der Zauberer auch diesen Wunsch gewähren.

Als die Gebrüder Jakob und Wilhelm Grimm wieder einmal das Märchenland besuchten, traf sie fast der Schlag. Was war bloß aus all den schönen Märchen geworden? Ratlos irrten sie durch dieses Wirrwarr, bis sie endlich den verwunschenen Zauberer trafen. Bestürzt fragten sie ihn: „Was hast du nur aus unseren schönen Geschichten gemacht?“. Traurig erzählte der Zauberer ihnen von dem gemeinen Fluch. Die Gebrüder Grimm aber hatten schnell eine Idee.

Jakob sprach: „Ich wünsche mir, dass du nur noch ein Verlangen erfüllen musst und danach von deinem Fluch befreit bist.“ Anschließend erbat Wilhelm die Märchen wieder so, wie sie ursprünglich waren. Gern erfüllte der Zauberer diesen allerletzten Wunsch.

Jetzt wisst ihr, warum die Märchen noch heute so sind, wie sie vor 200 Jahren von den Gebrüder Grimm aufgeschrieben wurden. Ob die Bewohner des Märchenlandes nun glücklich sind? Fragt sie das nächste Mal doch einfach selbst!

 

Seit einem ganzen Jahrzehnt schreibe ich die verschiedensten Texte – jetzt möchte ich sie endlich veröffentlichen. Jeden Montag und Donnerstag gibt es ein Update mit etwas neu Geschriebenen… Da ich mich nur wirklich ungern in irgendwelche  Kategorien von anderen Leuten pressen lasse, bezeichne ich meine Seite als Textkosmos – so unterschiedlich wie die Sterne sind, wirst du hier die verschiedensten Beiträge von mir lesen!

Viel Spaß beim Schmöckern,

PPH