Unsere Geschichte

Eines Nachmittags sitze ich, als die Sonne nach dem Winter endlich wieder hervor gekrochen kommt, auf dem Boden. Und um mich herum meine 37 Tagebücher. „Eigentlich bin ich ja Minimalistin“, murmle ich, als ich mir die verschiedenen Notizbücher ansehe: Manche schwarz, klein und kompakt, andere knallbunt und prall gefüllt. Sie sind meine Zeitkapseln.

Ich lese ein wenig in mein erstes Tagebuch und merke, wie einfach damals alles war. Ich zeichnete stundenlang, hörte Musik und konnte meiner Kreativität freien Lauf lassen. Ich stocke, als ich beim Überfliegen eines braunen Buches seinen Namen lese: „Er sieht wirklich süß aus.“ Ich konnte mich nicht mehr daran erinnern, dass ich am ersten Schultag von ihm geschrieben habe. „Er hat eine einprägsame Stimme“, steht ein paar Tage danach. Ich klappe ein anderes auf: „Also, ich weiß ja nicht, wie es dir geht, aber wenn er lächelt, gehen Sonnen auf und Blumen erblühen, das ist der Wahnsinn!“

So beginne ich also, unsere Geschichte zu lesen.

Ich nehme wieder das braune Notizbuch in die Hand und rechne nach – 14 Jahre war ich alt, fast 15. „Es gibt da einen in meiner neuen Klasse, bei dem ich immer lachen muss. Ich weiß aber noch nicht genau wie er heißt, irgendwas mit J.“ Ich lächle, weil ich mich noch sehr gut an diesen Moment erinnern konnte. Ich saß damals in der ersten Reihe und kannte zunächst nur die Stimme des Jungen. Nach einiger Zeit fiel mir auf, dass wir ähnliche Interessen hatten. Beim Sport hielt ich intuitiv nach ihm Ausschau. Erinnern kann ich mich an unser erstes Gespräch nicht mehr und im Tagebuch hatte ich es auch nicht notiert. Als ich so durchblättere, finde ich nach und nach kleine Zettelchen von unseren lautlosen Konversationen, wenn wir in Englisch nebeneinandersaßen.

Der Inhalt dieser Zettelchen ist völlig belanglos, und trotzdem kann ich nicht anders, als mir jeden, mal kariert, mal liniert, mal blank, durchzulesen und mitzulachen. „Wir hatten wirklich einen ähnlichen Humor“, kichere ich.

Er war sehr direkt und ich wusste bei ihm nie, was als Nächstes geschehen würde. Ein schelmischer Blick starrte mich stets an, zusammen mit seinen Augen. Während ich so das braune Tagebuch blättere, sehe ich nach einer Zeit immer wieder das Wort „Grün“ geschrieben. Ich runzle die Stirn und frage mich, was mich denn da getrieben hat…. „Ich weiß endlich, was für eine Augenfarbe er hat! Dass sie schön ist, wusste ich ja schon, aber das ist ja keine Farbe! Heute hab ich mich getraut, besonders lange hinzusehen! Sie sind  G R Ü N  hihihi! Ich freu mich so!!!!“ , schrieb ich mit dem Kugelschreiber.

Ich muss lächeln. Ein jeder, der diese Zeilen liest, drückt den Timer – früher oder später musste ich mich ja verlieben. Ich sah sogar einige Indizien dafür, dass er mich ebenfalls mochte, manchmal zogen seine Freunde ihn wegen mir auf, manchmal sah ich, dass er rot wurde, wenn ich ihn ansprach. Aber – nichts geschah, monatelang.

Ich überfliege das braune Buch, das blaue Tagebuch danach, dann ein grünes Notizbuch. Als wir schließlich gemeinsam auf einem Schulausflug waren, erfuhr ich, dass er mit einem anderen Mädchen zusammengekommen war. Die Sache erledigte sich so für mich.

Ein paar Wochen danach beschimpfte er mich ohne Grund mit einigen Nachrichten mitten in der Nacht. Die Konversation habe ich, natürlich, in einem anderen Tagebuch Wort für Wort niedergeschrieben. „Heast du gehst ma am oasch“, schrieb er mir, zusammen mit anderen Beleidigungen. Weil er betrunken war, nahm ich es nicht so ernst, wir sprachen nie wieder persönlich darüber. Nachher erfuhr ich, dass es mit dem anderen Mädchen nicht geklappt hatte. So legte sich meine Verliebtheit, da er offensichtlich nicht an mir auf diese Art und Weise interessiert war, konnten aber noch im restlichen Schuljahr viel lachen, Zettel schreiben und in Projekten zusammenarbeiten.

In den Tagebüchern stand danach nicht viel über ihn, ich erinnere mich aber daran, dass wir älter wurden, uns entfernten und annäherten, zu unterschiedlichen Zeiten. Ich stoße nach einiger Zeit wieder auf einen Eintrag, der sich um ihn dreht: „Erfindet er sich wirklich nur neu oder hasst er sich so sehr?“ Ich schrieb davon, wie unglücklich er mit sich schien und wie unverständlich ich das fand. Er sah sich wohl nicht mit meinen Augen: witzig, einzigartig und gut aussehend. Das Herz am richtigen Fleck.

Drei Tagebücher, in der Zeitrechnung ein Jahr, später finde ich einen Eintrag, dass ich ihn sehr zwiespältig fände. „Die Lehrer kommen nicht mit ihm aus. Ich frage mich, ob die wirklich so deppat sind und nicht wissen, dass er eigentlich nur nach Harmonie und Sicherheit sucht. Er ist so sensibel und sie sehen das nicht.“ Ich bin verwundert über diese Psychoanalyse, natürlich völlig unqualifiziert.

Einige Seiten später erzähle ich davon, dass er immer mehr trinkt und raucht, im Sport war er auch nicht mehr derselbe. Seine Noten wurden schlechter. In dem blauen Buch mit Stoffeinband lese ich: „Ich weiß, dass er Perfektionist ist und ihm ist das trotzdem egal? Versteh ich nicht.“ Ich sprach ihn auf diese Veränderungen nicht direkt an, er fand eine neue, engere Freundesgruppe. „Sie sind alle behindert“, schrieb ich damals über sie. Heute weiß ich, dass ich zu wenig Selbstbewusstsein hatte.

Ich runzle die Stirn, als ich das Buch wieder durchblättern, weil ich viele Einträge lang nichts mehr von ihm lese. Ich schätze, ich löste den Konflikt auf diese Art und Weise.

Dann, nach zwei Jahren, begannen wir wieder vermehrt zu sprechen, wir schrieben uns Nachrichten. Ich erschrak, als er damit begann, mit mir zu flirten. Eine dieser Konversation finde ich im Detail in einem lila-blau linierten Notizbuch niedergeschrieben:

Ich: „Tja, was ich will? Eigentlich einen sportlichen Jungen, mit dem ich über meine Musik-, Bücher- und Filmvorlieben sprechen kann. Ich finde, Beziehung ist nicht nur rummachen. Achja und Nichtraucher, sonst zuck‘ ich total aus“

Er: „Da hast du mich ja fast perfekt beschrieben.“

Die 22-Jährige würde den Spruch nicht so ernst nehmen. Als ich daraufhin vorschlug, dass wir ja mal ins Kino gehen könnten, meinte er nur: „Fragt nicht der Typ normalerweise nach dem 1. Date?“

Die ganze darauffolgende Seite war im Tagebuch blank, nur ein Satz stand dort:

„Date – So wirklich, ohne Scheiß?“

Wenn ich diese Zeilen lese, fühle ich mich in die Vergangenheit zurückversetzt. An diesem Kinoabend war er nicht müde und sprach ganz normal mit mir. Unsere Gespräche haben mich fasziniert, so wie früher, als wir uns noch näher standen. Wenn er gut gelaunt war, machte er viele Witze und seine grünen Augen glänzten.

Ich überfliege den Eintrag, so detailreich, dass mir meine kleine, verschnörkelte Schrift peinlich wird. Auf der nächsten Seite lese ich eine Entschuldigung: „Ich schreib das absichtlich so genau. Ich will alles davon in 20 Jahren lesen und mich zurückversetzen können.“

Ich atme schwer aus und lese weiter, der gesamte Abend war detailliert beschrieben: Er erzählte mir davon, dass er mit dem Rauchen aufhören will. Und es wirkte alles so echt und ich spürte eine Anziehung. Ich konnte ehrlich meine Gedanken äußern und musste mir keine Sorgen machen, wie es angenommen wird. Es war unkompliziert mit ihm.

Während des Films flüsterte er mir manchmal etwas Lustiges zu und in meinem Bauch kribbelte es. Nach einer Weile schlief er im Kino ein und ich konnte ihn nicht aufwecken, weil er einfach so friedlich aussah. „Ich hab mir eine ganze Weile nicht den Film sondern ihn angesehen“, schrieb ich mit Herzchen am Schluss.

Es war Januar, dementsprechend dunkel und kalt, als wir nach dem Film zu Fuß nach Hause gingen. Wir redeten weiter, auch wenn mir gleichzeitig tausend Gedanken durch den Kopf rauschten: „Wenn ich das nur meiner 15-Jährigen Version erzählen könnte, sie würde sich so sehr freuen…“ schrieb ich erneut mit vielen Kringeln und Herzen.

Ich fiebere mit, im Jetzt, mein Mund ist ganz trocken. Die Schilderung aus meinem Tagebuch wird bei der Abschlussszene sehr wirr, erinnern kann ich mich auch nicht mehr genau.

„Als wir bei der Wohnungstüre waren, ist mir aufgefallen, dass mich bisher kein Junge jemals bis zur Türe gebracht hat. So richtig nervös war ich nicht, aber tja… Wir haben kurz gelabert und dann wurde es etwas ernst. Ich kann mich nicht mehr genau an den Verlauf erinnern, aber im Endeffekt hab ich ihm gesagt, dass ich ihn sehr gerne mag. Ich wollte, dass er auch etwas dazu sagt, aber er meinte, dass er es dabei belassen will. Es hat mir kurz einen Stich versetzt, war aber nicht so schlimm, weil ich es irgendwie wusste. Für den Moment war es das Richtige. Als er weggegangen ist und ich angeläutet habe, bin ich noch um die Ecke ihm nachgerannt und hab ihn auf die Wange geküsst. Zuhause war ich überwältigt und schockiert. Ich hab mich ins Zimmer gesetzt, Licht aus und hab nachgedacht. Das was passiert ist, diese Sache zwischen ihm und mir, das ist gerade mal so klein wie eine Knospe. Verletzlich und winzig. Ohne Wasser und Sonne wird das nichts.“

Später sagte er mir, dass er mich nicht nach dem Kino küssen wollte, weil es nicht fair gewesen wäre. Von jemand anderes erfuhr, dass er eigentlich ein anderes Mädchen mochte. Deswegen schlug er vor, darüber nachzudenken.

„Worüber soll ich denken? Dass ich ihn mag? Wow, so ein Beschiss. Er sagte mir, dass er das mit mir so kompliziert findet. Er sagt, dass man einfach feiern gehen, Spaß haben und zusammenkommen sollte. Der ist echt so ein Vollidiot, an mir scheitert es ja nicht! Checkt er das wirklich ned?“, schrieb ich Mitte des Monats.

Im Klassenzimmer übte ich mich in Selbstbeherrschung und versuchte, die Unberührte zu sein. „Mir egal, ob aus uns was wird“, schrieb ich, daneben ein durchgestrichenes Herz mit seinem Namen. So schön es also war, wenn er positiv geladen war, wurde also schwieriger, wenn er schlecht drauf war. Er stieß mich in den Tagen danach von sich. Nicht physisch, sondern mit seinen Blicken. Die Augen waren leer, das Grün wurde fahl. Ich war aber auch nicht unschuldig, das wusste ich. Als er damit begann, sprach ich nicht offen mit ihm und entfernte mich auch. So fand ich, nach einigen Wutausbrüchen und Beleidigungen schnell auf Schlag, wochenlang keine einzige Erwähnung seines Namens.

Ich überlege. Wie war die Zeit nach dieser Abfuhr? Seinen Blicken wich ich aus, weil ich wusste, dass das Grün nicht mehr so wie früher war. Ich vermisste den alten Schlagabtausch und als er mir einmal zugestand, dass er nie wollte, dass es so zu Ende ging, strich ich ihn aus meinem Herzen. Ich ignorierte nicht mehr nur seine Blicke, sondern auch seine ganze Existenz und versuchte, mich abzulenken – auch mit der Aufmerksamkeit anderer Jungs. Wenn wir uns abends beim Fortgehen trafen, traute ich mich nicht, ihn zu grüßen. Er schrieb mir nun: „Wow, da hast du mich aber schnell ersetzt.“

Irgendwann wurde die Distanz so groß zwischen uns, dass ich davon überzeugt war, dass er mich nicht nur unattraktiv fand, sondern mich sogar hasste. „Es tut mir weh, ich weiß nicht. Keine Ahnung, dann lass ich ihn halt in Ruhe, wenn ich so untragbar bin. Ich weiß ich bin too much“, schrieb ich mit einem schwarzen Stift auf eine Seite am Ende eines der nächsten Tagebücher. Auf der anderen strich ich seinen Namen immer und immer wieder durch.

Danach lese ich minuten- und monatelang seinen Namen nicht mehr. Ich beginne, die Bücher nicht mehr gründlich zu lesen, sondern zu überfliegen, ihn in meinen Zeilen von damals zu suchen. Ich finde nicht mehr viel, er beendete die Schule und ich war in einer Beziehung.

Ich beiße mir auf die Zunge.

Plötzlich erinnere ich mich an einen Moment, ganz dunkel vor meinen Augen. Er, im Schulkorridor, als er mir sagte, dass er sich für mich und meinen Freund freute, dass wir zusammen waren. Dass er mit ihm befreundet war und diese Sache in der Vergangenheit zwischen uns stand, schien ihn nicht zu stören. Mich allerdings schon und so sprach ich oberflächlich mit ihm, wenn wir uns trafen und versuchte, es dabei zu belassen.

Einmal waren mein Freund und ich zu einer Party bei ihm zuhause eingeladen und als ich alleine durch das Haus wanderte, es war schon spät, fand ich auf seiner Pinnwand einige alte Zetteln und Zeichnungen von uns angeheftet. „Diese Fetzen sind jahrelang schon dort oben? Er ist wirklich seltsam, den werd ich nie checken“, schrieb ich an dieser Stelle kurz über ihn. Ich erinnerte mich noch genau, als ich diese Zeilen schrieb. Ich war traurig.

Wir wurde nie wieder wirkliche Freunde, sprachen kaum und fragten nicht mehr, wie es dem Anderen ging. Ich erntete ab und zu abweisende Blicke von ihm und akzeptierte, dass ich nicht mehr mit ihm befreundet sein durfte.

Ich lehne mich zurück. In den Tagebüchern stand danach nichts mehr, das wusste ich alles nur aus Erinnerung. Aber ich war neugierig – wann erwähnte ich ihn eigentlich wieder? Ich suchte ihn wieder. Ich wusste, dass die Geschichte noch nicht ganz vorbei war.

Sieben Tagebücher und umgerechnet zwei Jahre später wurde ich fündig: Wir trafen uns einmal zufällig in der Innenstadt: „Er hatte einen echt seltsamen Ausdruck, so klar, fast wie früher. Da hab ich mich daran erinnert, wie sehr ich ihn und seine grünen Augen mochte. Später hat er mir geschrieben, dass mein Arsch gut aussieht. Er ändert sich wohl nie, der Vollidiot“, schrieb ich.  Kontakt pflegten wir danach keinen, ich wusste, dass er das aus Mitleid schrieb, weil ich von seinem Freund verlassen wurde.

Monate danach, im Sommer, träumte ich von ihm, nie schöne Träume. Er hatte ein Problem und brauchte meine Hilfe, aber immer, bevor ich etwas tun konnte, wachte ich auf. Ich sehe auf die letzten Seiten dieses Tagebuchs und finde eine Strichliste, die ich erweiterte mit jeder Nacht, wo mich dieser Traum plagte.

Ein paar Seiten im nächsten Tagebuch, dunkelblau, lese ich: „Ich hab mich bei ihm gemeldet und jetzt hat er mich zu einem Konzert eingeladen, das glaubst du mir niemals! Ich wünsche mir zwei Dinge: Entweder, dass er ein richtig großes Arschloch ist, damit all meine Träume und positiven Gefühle ihm gegenüber endlich weggehen. Oder, dass wir uns küssen – hey, träumen darf ich ja noch. Hmmm… Diese beiden Wünsche schließen einander nicht aus, fällt mir grad auf.“ Die Schrift ist verschmiert – ich schrieb sie im Bus auf dem Weg zum Bahnhof, wo ich ihn treffen sollte. Ich freute mich so sehr und mein Herz klopfte.

Ich atme ein. Im Tagebuch steht alles geschrieben, von diesem Treffen als wir keine 14 oder 17 waren, sondern 19: „Verdammte Scheiße, verdammte Scheiße, verdammte Scheiße. Du weißt, mit welcher Intention ich mich mit ihm getroffen habe: hoffentlich ist er so gemein, damit das endlich auf meiner Seite abstirbt. Es ist ein wenig anders verlaufen.“

Ich muss den Eintrag eigentlich gar nicht lesen. Ich sehe zum Fenster, in den Himmel und erinnerte mich.

Gleich in den ersten Minuten beschloss ich damals, ehrlich mit ihm zu sein und erzählte ihm, dass ich mir Sorgen um ihn machte, dass ich von ihm träumte. Er erwiderte, dass es ihm tatsächlich nicht so gut ging und wechselte das Thema: „Ich habe großen Respekt vor dir. Ich habe mir das lange angesehen, aber nie etwas gesagt.“

Im Laufe der Fahrt zum Konzert kritisierte er sein Aussehen im Scherz, auch immer noch so wie früher und weil ich gut gelaunt war, fragte ich ihn geradeheraus: „Hätte ich mich sonst gleich damals in dich verknallt?“ Er sagte nur: „Ich dein Typ? Die Welt ist komisch.“ Im selben Atemzug entschuldigte er sich dafür, dass er mich öfters früher beleidigte. Ich spürte, dass etwas in der Luft lag, er wollte unbedingt sprechen, mit lauter Stimme und voller Freude. So gefiel er mir noch mehr. Ich fragte ihn, wieso er sich nach der Trennung nie bei mir gemeldet hatte.

„Ich konnte nicht, ich war glücklich, dass ihr nicht mehr zusammen seid.“

Im Tagebuch ist dieser Satz mit vielen Fragezeichen umrandet. In meinem Gehirn ratterte es damals, ich dachte ja immer, dass er mich hasst. Vielleicht wollte er, dass sein Kumpel nicht in einer Beziehung war, damit sie mehr miteinander unternehmen könnten.

Ihr habt gar nicht so wirklich zusammengepasst, sondern wir beide.“

Ich halte die Luft an, als ich das lese, genauso wie damals. Er hasste mich ja gar nicht. Und der Ausdruck vor Monaten, als wir uns zufällig sahen, bedeutete so viel mehr.

„Tja, das hast du ja in den Sand gesetzt.“

Nachdem ich das sagte, entschuldigte ich mich auf die Toilette und obwohl ich nicht trank oder rauchte, spürte ich, wie schnell mir schlecht wurde. Meine Lunge kratzte, mein Bauch spielte verrückt und ich konnte nicht stehen. Ich war sprachlos. Es war fast so, als wäre eine Last verschwunden, von der ich nicht einmal wusste, dass es sie überhaupt gab.  Weil ich dachte, er würde mich hassen, als Ex seines Freundes, dachte ich nicht im Traum daran, mit ihm in Kontakt zu treten. Und er offensichtlich auch nicht.

Im restlichen Verlauf des Abends schmeichelte er mir, sagte mir, ich sei klug, schön, eine tolle Schwester und so cool. Er stellte mich auf ein Podest. Im Tagebuch steht: „Und weißt du was, er hat mich bis zur Haustüre gebracht, obwohl es drei Uhr in der Früh war, so wie damals nach dem Kino. Ich bereitete mich auf ein Tränen ausbrechen im Zimmer vor, du weißt, nur so kann ich mit emotionalen Dingen umgehen und er hat mir dann noch zugeschrien, dass er bei der Ecke warten wird. Weißt du, ich war da so verwirrt, es war wirklich spät. Erst als ich beim Zähne putzen war, ist mir eingefallen, dass er wohl darauf gewartet hat, dass ich ihm wieder nachrenne und auf die Wange küsse, so wie vor zwei Jahren.“

Ich muss kurz vom Blatt wegsehen, weil meine Augen tränen. An diesem Abend hätte ich wohl endlich herausfinden können, ob er tatsächlich so gut küssen konnte, wie ich immer vermutete.  Ich war verwirrt und überfordert, hatte so eine Angst.

Im Tagebuch steht: „Ich war schon zwei Mal in ihn verliebt und jetzt weiß ich endlich, wie ich bei ihm stehe. Weil ich dachte, er verachtet mich, wollte ich ihn nicht mehr sehen, weil es richtig traurig war. Jetzt will nur mehr in seine grünen Augen sehen. Angst hab ich aber auch, bin ich wirklich schon wieder dazu bereit, ihm mein Herz zu zeigen, obwohl er so selbstzerstörerisch war und er es vielleicht noch immer so ist?“

Ich konnte die Tage danach nur schlecht schlafen, weil mich jeder Gedanke daran erinnerte, dass ich um die Ecke rennen hätte sollen. Von seiner Seite verschwand die Kommunikation, ich wusste aber, dass er nachdachte und ich wollte ihn nicht bedrängen. Nachdem meine erste Wut auf mich selbst verschwand, gewann ein anderes Gefühl, ein viel schöneres, die Überhand: „Ist doch egal, was war. Was wirklich zählt, ist jetzt. Ich will, dass es uns gut geht und in seine Augen sehen.“

Ich überfliege die nächsten Einträge, ein Hin und Her von Spielen: Das Katz-und-Maus-Spiel, das Bist-du-wirklich-so-einfach-zu-haben-Spiel, das Nähe-und-Distanz-Spiel. Diese Spielerein überrumpelten mich gleichermaßen, weil sie mir egal waren. Wir waren immer schon ein Team und wozu sollten wir uns etwas noch vormachen – wir gehörten zusammen.

Nach ein paar Tagen lud er mich zu sich nachhause ein. „Ich habe ihn endlich besucht… Seine Wohnung war nicht zusammengeräumt, ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Wir haben uns Lieder gezeigt und diesmal ein anderes Spiel gespielt, Frage und Antworten. Er meinte, dass niemals jemand erkennen würde, wenn er lügt. Ich hab natürlich die Herausforderung angenommen, der soll mich nicht so provozieren, weißt? Er hat behauptet, dass er letztens wirklich noch 15 Minuten hinter der Ecke war, wartend auf mich – definitiv wahr. Er hat behauptet, dass es mir schwer fiel, als er die Schule abbrach – definitiv wahr. Er hat behauptet, dass er weniger mit dem anderen Geschlecht erfahren wäre als ich – definitiv unwahr. Weißt du, er denkt, er weiß alles und es gefällt ihm wohl so. Er wollte mir trotzdem nicht glauben, dass das letzte eine Lüge ist, also werde ich ihn nicht davon überzeugen. Er ist stur, so wie früher und hat gar nicht gemerkt, dass ich ihm eigentlich etwas anvertrauen wollte.“

Wir stellten uns noch andere Fragen, zum Beispiel, ob wir zusammen glücklich werden könnten.

Mich haben diese Fragen nicht sehr unterhalten, ich wollte ihn einfach küssen, stundenlang.

Habe ich es getan?

Natürlich nicht.

Nach diesem Treffen ging er wieder auf Tauchstation. Ich aber musste nicht mehr nachdenken: „Ich entscheide mich für ihn. Ich bin mutig. Ich wünsche mir, dass wir gemeinsam lachen“, schrieb ich. „Ich warte, egal wie lange es dauert. Vielleicht warte ich schon seit ich 14 bin.“

Nach Wochen trafen wir uns zum Essen und die Stimmung kippte, ich fühlte mich unwohl. Er wirkte leblos, müde. Kurz dachte ich, dass er mich vielleicht wieder hasst. Es war August und in dem Restaurant eigentlich sehr heiß… Und trotzdem fühlte es sich für mich an wie der tiefste Winter. „Alle Puzzlestücke liegen sortiert auf dem Tisch – wieso klappt es nicht?“, schrieb ich auf. „Sind wir tatsächlich verwoben, seit Jahren? Wozu das Sehnen und der Schmerz? Und werden wir uns irgendwann küssen? Oder bin ich wirklich zu leicht zu haben? Mag er mich doch nicht genug? Hat er gelogen? Waren seine Gefühle doch nicht so aufrichtig? Sucht er eine Hassliebe? Die kann und will ich ihm nicht geben, tut mir leid. Was aber ist dann mit seinem Blick? Das bilde ich mir doch nicht ein…“

Als von seiner Seite gar nichts mehr kam, rief ich ihn an. Seine Stimme am Telefon sagte mir schon alles. Ich hörte sie heraus, seine Weggefährten: Angst und schlechtes Gewissen.

„‘Du bist so stark, du verdienst jemand Besseres‘, hat er mir am Telefon gesagt, so behindert.“

Ich verdrehe die Augen, damals und jetzt, Jahre später. Eine Abfuhr mit Komplimenten.  

„Dann hat er noch gemeint: ‚Tut mir leid, dass ich mit dir damals so aggressiv geflirtet habe.‘“

Wenn meine Augen stecken bleiben könnten, hätten sie das schon jetzt getan. Ich spreche mit meinem Tagebuch: „Wie, was falsch verstanden? Dass du mich abgewiesen, dann aber jahrelang in mich verliebt warst, es mir gestanden hast und ich dann irgendwie die Hoffnung hatte, dass wir uns endlich küssen nach Jahren der Erwartung?!“

Leider kann mein Tagebuch nicht zurück sprechen und ich lese weiter: „Am Ende führte er einen Monolog, damit er sich nicht so schlecht fühlen musste. Er gab mir tausendundein Gründe, wieso es nicht funktionieren würde. Dass meinem Kopf und meinem Bauch alle tausendundein so ziemlich scheißegal waren, interessierte ihn wenig. Dass meine Intention mir sagte, dass wir zueinander gehörten, interessierte ihn wenig. Dass ich ihm helfen und zeigen wollte, was für ein guter Mann er ist, interessierte ihn wenig. Dass ich stark genug für uns beide bin, interessierte ihn wenig. Ich wollte ihm dann gar nicht mehr sagen, dass ich seine schlechten Seiten nicht so wie sehe, wie er es annimmt. Er sprach für mich. Am Ende sagte ich nur Eines: „Ich warte nicht mehr.“

Ich lege das Tagebuch aus der Hand. Am Ende musste ich mich bei ihm für eine Abfuhr melden, das war mir damals gar nicht so bewusst. Er wollte mich verdrängen und weil ich ihm Zeit gab, musste er mir nicht einmal seine Gefühle der Abweisung zugestehen – wieder einmal.

Ich lese weiter.

„Er ist eindeutig meine Schwachstelle, er manipuliert mich.“

„Er hat Angst und ist kindisch.“

„Er will mich nicht, will aber auch nicht, dass mich jemand anderes hat.“

„So etwas lasse ich nie wieder zu.“

„Er glaubt nicht mehr an uns als Team und das tut mir sehr weh.“

„Ich habe an ihn und an uns gedacht. Der Mut ist bei mir stärker als Angst.“

Auf der ganzen Seite ist das Papier gewellt, weil ich damals so weinte und jetzt kam eine Neue dazu.

Mir tut es leid.

All meinen Ichs: Der 14-Jährigen, der 17-Jährigen, der 19-Jährigen und der 22-Jährigen. Ich hatte mir dieses „Wir“ so sehr gewünscht, hätte es so gerne gesehen. Zu akzeptieren, dass es wohl andere Pläne für uns gibt, fiel mir schwer.

Nicht, weil wir uns zu wenig mochten.

Nicht, weil wir gebrochene Herzen hatten.

Sondern, weil es einfach nicht gereicht hatte.

Es fehlte immer an etwas: Mut, Timing, Zuversicht. Über diese Jahre hinweg ist so viel mit uns passiert, Menschen haben unsere Herzen berührt, verletzt und verlassen. Ich frage mich, wie oft wir wohl an das Herz des anderen dachten. Seinen Blick bei der Ecke, den werde ich wohl nie vergessen können.

Hätte ich ihm damals die ganze Wahrheit sagen sollen? Dass ich das Gefühl hatte, uns verbände ein Band? Ein Band, das ich eigentlich nie wieder loslassen wollte, auch, wenn es verknotet, über Schluchten hängend oder auf dem Boden schleifen würde?

Ich kneife die Augen zusammen, das alles ist Vergangenheit. Wie sieht es mit der Gegenwart aus? Ich sehe mich in meinem Wohnzimmer um, all die Tagebücher liegen verstreut herum und die Sonne ist schon fast untergegangen.

Ich frage mich, ob er seinen inneren Dämonen den Kampf angesagt hatte, so wie er es mir damals immer prophezeite. Ich sehe nochmal auf die Seite und kann meine Schrift kaum noch lesen. Das ist wohl das Ende der Geschichte, an dieser Stelle, im 31. Tagebuch, erwähnte ich ihn das letzte Mal, vor bald mehr als drei Jahren.

Ich stehe auf und gehe zum Spiegel und sehe mir ins Gesicht.

Ich frage mich: „Ist er noch der, wie andere ihn haben wollen oder schon der, der er eigentlich sein will?“

Ich lächle, weil ich die Antwort kenne.

 Ich frage mich: „Hat er die Antworten gefunden, die er sich damals so dringend gewünscht hat?“

Das Lächeln erstarrt. Ich weiß es nicht.

Ich frage mich: „Was ist mit all den Stimmen in seinem Kopf, die ihm ‚Stopp‘ und ‚Los‘ zugleich sagen?“

Ich sehe zu Boden und schließe die Augen, ich weiß es wirklich nicht.

Ich frage mich: „Wird er für immer dieser Kuss an einer Ecke sein, den ich niemals kriegen kann?“

Ich muss lächeln, denn ich kenne die Antwort.