Der Sternenhimmel und wir (07-19)

Heute habe ich das Gefühl, dass der Kornspeicher meiner Erinnerungen an mein Leben Stück für Stück übergeht, mit jedem einzelnen Tag. Ich habe das Gefühl, dass der Haufen grösser und grösser wird, ich verliere den Überblick.

Und obwohl so viele Erinnerungen in mir stecken, erwische ich mich trotzdem immer wieder dabei, wie ich mich denselben Erinnerungen hingebe. Ich schwelge in den gleichen Momenten wie vor Jahren, obwohl es ja weitergeht.

Wenn ich den Kornspeicher meiner Erinnerungen besuche, sehe ich Sommerwetter, Sonne durchs Fenster auf eine gemütliche Couch scheinen, eine warmes Haus, Tomatensalat im Garten und viel Lachen. Er war da.

Sein Gesicht war immer schon ausdrucksstark gewesen, er liebte es zu lachen. Man sah es ihm an, dass er ein Spassvogel war. Er brachte mich zum Schmunzeln, auch, wenn ich mich lieber auf den Unterricht konzentrieren wollte. Er traute sich, jeden und alles zu provozieren, ohne, dass ihm dabei bewusst war, was er da tat. Für mich war er der perfekte erste Freund.

Es war unter einem Sternenhimmel im April, in Polen, als ich zum ersten Mal merkte, wie wichtig er mir geworden war.

Manchmal finde ich im Kornspeicher der Erinnerungen auch Bilder, an die ich mich nicht so gerne erinnere: Nächte in Tränen und ein langes Warten. Gewartet haben wir wohl beide auf vieles: Veränderungen, bessere Zeiten, ähnlichere Interessen und Vertrauen.

Mit der Zeit änderten sich so die Gemüter, nicht absichtlich. Ich bemerkte meine eigene Veränderung nicht, wohl aber seine und warf ihm vor, dass ich ihm egal geworden war.

Je öfter man etwas sagt, desto mehr wird es zur Wahrheit, jedes Mal, wenn man es denkt oder ausspricht: So garstig, wie ich war, wurde ich ihm tatsächlich irgendwann egal. Nicht aus Bosheit, sondern aus Eigenschutz.

Es war unter einem Sternenhimmel im Mai, als ich merkte, dass wir das letzte Mal miteinander sprechen würden.

Ich wünsche mir oft ein bestimmten Ausgang, ich liebe Geschichten mit einem tollen Ende. Ich war überzeugt davon, wie das Gemälde unseres Sternenhimmels aussehen würde und wollte es selbst zu Ende malen. Aber jemand anderes wusste es besser… So nahm wohl die eine oder andere Sternschnuppe meinen Wunsch mit, für immer mit ihm zusammen zu sein zu können.

Die Zeit verging schnell und ich traf auf andere Menschen, die mein Leben berührten. Trotzdem musste ich immer noch lächeln, wenn ich an dachte: „Er brachte mir bei, dem Ernst des Lebens ein Zwinkern zu verpassen. Vielleicht sogar mein wichtigster Lehrer überhaupt…“

Er verstand sich in Taten, nicht in Worten. Als sich unsere Wege trennten konnte ich nicht viel von dem in die Tat umsetzen, was ich so von mir gab.

Es war unter einem Sternenhimmel im April, in Japan, als ich es zum ersten Mal verstand.

Früher verband uns so viel. Jetzt ist es tatsächlich wohl nur mehr der Sternenhimmel am Horizont.

Die Antwort auf die Frage „Warum?“ fand ich schliesslich doch noch selbst, als ich eines Dezembers zum Sternenhimmel aufsah und im nächsten Moment in braune Augen blickte.