Schon wieder bei der Prüfung durchgeflogen? (Juli 2019)

Du bist nicht dumm, wenn du eine Prüfung nochmal schreiben musst.

Als unbetroffene Person klingt das leicht daher gesagt…

„Eine kommissionelle Prüfung brauchen nur Idioten“, murmelte ich vor mich hin im ersten Semester.

Im achten Semester war es meine Realität.

Was aber tun?

Nach dem Weinen und der Wut, meine ich.

Man ist gebrochen…

Man hat ein schlechtes Gewissen, man will es niemandem sagen.

Man fragt sich, ob man wirklich so dämlich ist und wieso es nicht geklappt hat.

Man gibt den Prüfenden die Schuld, dem schlechten Wetter, den privaten Ablenkungen.

Man will es niemandem sagen…

Vielleicht verurteilen wir andere, wenn sie etwas nicht schaffen und wenn wir dann in diesem Paar Schuhe selbst stehen, fühlen wir uns noch viel dümmer – so war es bei mir zumindest.

Lass mich dir sagen, am Ende hilft es nicht wirklich, den oder die Schuldige zu finden.

Such doch stattdessen die Person, die es ändern wird:

Du selbst.

Das bedeutet, dass man sich zusammenreißen muss. Ernsthaft. Weg mit dem Bullshit, weg mit den Ängsten, weg mit den Sorgen. Beginn‘ an sich selbst zu glauben.

Denn es wird höchste Zeit, zu deiner eigenen Verantwortung zu stehen.

Man muss aufhören, die Vergangenheit ändern zu wollen …

Es ist okay, wenn du Angst um deine Zukunft hast, es ist okay, wenn du Angst hast, dass du ausgelacht wirst, es ist okay, wenn du Angst hast, dass du zu schwach bist und es niemals schaffen wirst – denn es war ja bisher auch nicht anders.

Der Mensch ist ein spannendes Tier: Nur wir nehmen die Zeit so wahr. Wir hängen der Vergangenheit nach und bangen über die Zukunft, so vergessen wir doch glatt, was vor unseren Augen ist. Das Jetzt und das Heute.

Ich bin nicht die Faulste oder die Dümmste und trotzdem habe ich drei Mal dieselbe Prüfung negativ geschrieben. Ich habe gelernt, ich habe alle Bücher gelesen, ich habe Lernstrategien geändert und es hat trotzdem nichts gebracht.

Der Moment, wenn einem nicht einmal mehr ein Stapel Bücher weiterhelfen kann…

Als ich dann meine letzte Chance hatte, wurde es ganz schnell verdammt ernst: Exmatrikulation.

Die letzten Jahre an der Universität mal so komplett für den Arsch.

Mein Studienverlauf wurde so nun verzögert, ich hatte einen Teilzeitjob, familiäre und soziale Verpflichtungen, wollte meinem Sport weiterhin regelmäßig nachgehen und war kurz vor dem Beginn zweier Praktika. Als ich nach einigen Tagen immer wieder die Email mit dem negativen Notenbescheid las, wurde mir klar, dass es diesmal so nicht funktionieren kann.

Obwohl ich mich immer gerne als Person mit Prioritäten sah, musste ich mir ehrlich eingestehen, dass es wohl nicht so weit kommen hat können, wenn irgendwo nicht etwas gepasst hatte. Und „Irgendwas“ war mehr als nur untertrieben.

Vor der Prüfung

Mach‘ dir einen Plan von deinem Leben: Was machst du in deinen 24 Stunden? Was willst du machen? Und dann, der wichtigste Teil: Was solltest du machen? Wenn ich zum vierten Mal eine Prüfung schreiben muss, kann etwas nicht stimmen. Sei ehrlich, sieh‘ dir die Dinge an, die du aufgeschrieben hast. Was gibt dir ein gutes Gefühl? Was nicht? Willst du vielleicht die Gelegenheit nutzen, eine schlechte Angewohnheit fallen zu lassen? Was kann man wirklich nicht weglassen, weil einem sonst auf die Decke fliegt?

Man wird sich klar, was man wirklich braucht, um die Hürde zu überwinden…

Für mich war es vor allem wichtig, nur einen Plan A zu haben. Wenn ich mir schon überlege, wie ich das mit meiner Exmatrikulation regeln soll, bin ich am besten Weg bergab. Für mich gibt es nur diesen einen Ausgang, es gibt kein Paralleluniversum, in dem ich keine Lehrerin bin. Und deswegen sollte ich mich verdammt nochmal anstrengen, damit es klappt.

Konsistenz war mein Schlüssel: Wenn ich jeden Tag 30 Minuten lerne, an manchen Tagen sogar mehr, kann mir gar nichts passieren – weil ich ja drei Monate jeden einzelnen Tag gelernt habe. Dieser mentaler Anker hat mir in schlaflosen Nächten geholfen, einen kühlen Kopf zu bewahren.

Man braucht auch Zeit für sich selbst…

Dass ich ausgerechnet in Psychologie drei Mal durchgeflogen bin, ist natürlich Ironie: Eigentlich weiß ich ja, wie man lernen sollte. Anscheinend ist der Inhalt also trotzdem nicht in meinem Gehirn angekommen. Schlussendlich ist die Methode, die mir am meisten geholfen hat, eine Art grafische Mind-Map Darstellung der Stoffes. Es waren viele hunderte Seiten, die auf zehn DIN-A4 Blättern in Farbe und Comics zum Leben erweckt wurden. Für einen Außenstehenden sah es verrückt aus, für mich bot es einen neuen, anderen Zugang zum Inhalt, als ich irgendwann wirklich keine Lust mehr hatte, nochmals alles zu wiederholen.

Besuch‘ mal in Bücherei und finde heraus, welche Bücher du vielleicht lesen kannst, um den Inhalt zu wiederholen oder von einer anderen Seite aus zu betrachten, die du mit deinem normalen Prüfungsstoff nicht findest. Manches wird dir bekannt vorkommen, anderes vielleicht nicht. Es geht nicht darum, es auswendig zu lernen, sondern deinem Gehirn dabei zu helfen, sich die Inhalte auf verschiedenste Art und Weise zu speichern.

Man versucht, umzudenken…

Während der Prüfung

Das ist der Moment, auf den man so lange gewartet hat und am allerwichtigsten ist die Souveränität. Die Menschen, die einen prüfen, sind auch nur Menschen und wollen niemanden durchfliegen lassen. Sie möchten sogar einem helfen. Wenn du dir unsicher bist, versuche einen Schritt mental zurückzugehen und die Frage aus einem abstrakteren Blickwinkel zu betrachten – denn du hast ja gelernt. Nutze alles, mache Verbindungen und zeige, dass das Thema dir liegt und du dich dafür interessierst.

Das Wichtigste ist Atmen. Wenn die Hände zittern und der Schweiß sich mehrt, zählt wirklich nur mehr das Atmen.

Man muss einfach nur atmen…

Nach der Prüfung

Jetzt, nach dieser Prüfung, nach all den Stunden, nach dem Bangen und den Freudentränen, habe ich mich von diesem Teil von mir verabschiedet. Es ist wie ein Sterbeprozess, etwas ist verschwunden. Ich habe keine Angst mehr vor den restlichen Prüfungen im Studium oder im Leben. Wenn ich sogar etwas beim vierten Anlauf schaffen kann, sogar sehr gut, dann muss ich mich vor nichts mehr fürchten.

Heute weiß ich wirklich nicht, wieso ich so oft diese Prüfung nicht geschafft habe.

Heute will ich aber den Grund aber gar nicht mehr wissen.

Am Schluss, als die Prüfung vorbei war, habe ich gemerkt, dass die letzten Monate nur halb so schlimm waren…

Man hatte am Ende vielleicht sogar Spass dabei…

Manchmal muss man erst alles riskieren, damit man merkt, wie ernst einem eine Entscheidung geworden ist.

Minimalismus für den Kopf!